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Auf der Suche nach dem Rausch: Kinder riskieren das Würgespiel

Auf der Suche nach dem Rausch: Kinder riskieren das Würgespiel

Paris/Potsdam. Die 15-jährige Marie wachte nie wieder auf.Als ihre Eltern sie am 8. Mai diesen Jahres in ihrem Zimmer fanden, warihr Körper bereits kalt. Das blonde, lebenslustige Mädchen ausFrankreich hatte sich mit seinem Judogürtel die Luft abgeschnürt.Nicht, um sich das Leben zu nehmen, sondern auf der Suche nach demultimativen Kick, wie sich später herausstellte.

Marie wurde wie schonetliche ihrer Altersgenossen zuvor Opfer des lebensgefährlichenWürgespiels, bei dem sich Kinder und Jugendliche die Luft abschnüren,um sich in einen rauschartigen Zustand zu versetzen. Auch inDeutschland soll es jetzt wieder einen Fall gegeben haben.

In Frankreich ist das gefährliche Würgen bis zum Umfallen bereits seitJahren immer wieder ein Thema. Es trägt dort den harmlos klingendenNamen Halstuch-Spiel („Jeu du foulard“). Jeden Monat soll in Frankreichein junger Mensch pro Monat dabei sterben. Etliche Kinder undJugendliche erleiden außerdem Hirnschäden, weil sie nicht wie geplantschnell wieder aus der Bewusstlosigkeit aufwachen.

Besonders gefährdetsind diejenigen, die sich nicht mit Freunden, sondern alleine in dieOhnmacht befördern. „Fast alle Kinder, die gestorben sind, spielten dasSpiel alleine“, berichtet die US-Behörde für den Schutz deröffentlichen Gesundheit CDC. Sie hat von 1995 bis 2007 mehr als 80solcher Todesfälle in den USA gezählt.

Nach Angaben von französischen Experten breitet sich das Phänomen seitetwa zehn Jahren an französischen Schulen aus, neuerdings auch unterGrundschülern. Waghalsige Jungen, die sich beweisen wollen, seienbesonders gefährdet, sagte die Psychiaterin Marie-France Le Heuzey Endevergangener Woche anlässlich einer internationalen Tagung in Paris.Schon Sechsjährige seien davon fasziniert, sich durch den Mangel anSauerstoff in einen rauschähnlichen Zustand zu versetzen.

In Frankreich gibt es bereits seit knapp zehn Jahren eine Vereinigungvon Eltern (APEAS), deren Kinder beim „Jeu du foulard“ ums Leben kamen.Sie wollen Leben retten, indem sie andere Eltern auf die Gefahren desSpiels hinweisen. Kopfschmerzen und Ohrenschmerzen,Konzentrationsschwäche und Schläfrigkeit - all das könnten Anzeichendafür sein, dass der Nachwuchs bei dem Spiel einen Rausch sucht, warntdie Vereinigung. Viele von ihnen wüssten nicht, welche schlimmen Folgendas haben könnte.

Ob der am Dienstag bekanntgewordene Tod eines 14-jährigen Gymnasiastenaus Brandenburg auf das Würgespiel zurückzuführen ist, wird sichvermutlich nicht endgültig klären lassen. Aber die Indizien sprecheneine deutliche Sprache: „Der Computer lief noch, die Anleitung für dasSpielchen soll dort noch abrufbar gewesen sein“, berichtet die„Märkische Allgemeine“ (Mittwoch).

Wie verbreitet das Spiel in Deutschland ist, können selbst Expertennicht sagen. Kommentare von jungen Internet-Nutzern lassen aber daraufschließen, dass es nicht nur wenige Einzelfälle gibt. „Das ist geil,ich liebe es. War schon mal zehn Minuten ohnmächtig“, schreibtbeispielsweise der Besucher einer Videoplattform. „Also ich mach' esauch oft“, stimmt ein anderer zu.

Dabei könnten sich nur wenige Klicks weiter die Jugendlichen über diezahlreichen Todesopfer informieren. Die französische Elternvereinigungschätzt, dass die Dunkelziffer der Todesfälle noch viel größer ist, alsdie Zahl der bekanntgewordenen Fälle. Etliche würden fälschlicherweiseals Selbstmord gedeutet werden.