Alexander Gerst: „Astro-Alex“ ist wieder in Deutschland nach knapp 200 Tagen im All

Alexander Gerst : „Astro-Alex“ ist wieder in Deutschland nach knapp 200 Tagen im All

Die Erde hat ihn wieder: Alexander Gerst ist von der Internationalen Raumstation ISS zurückgekehrt. In Köln betritt der Astronaut nach fast 200 Tagen im All deutschen Boden. Er freut sich über den Nieselregen und auf Salat.

Nach gut einem halben Jahr im All ist der Astronaut Alexander Gerst wieder in Deutschland eingetroffen. Am Donnerstagabend setzte ein Flugzeug mit dem 42-Jährigen an Bord auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn auf. Gerst verließ die Maschine mit einer Mütze auf dem Kopf und aufrecht gehend. „Ich freue mich total, wieder nach Hause zu kommen“, sagte er. „Jetzt hier in Köln zu sein, da wo ich wohne, da wo ich zu Hause bin, ist besonders schön.“ Er freue sich nun auf „einen großen Teller Salat“.

Der Astronaut war am Donnerstagmorgen mit einer Sojus-Kapsel in der kasachischen Steppe gelandet. Zuvor hatte er fast 200 Tage auf der Internationalen Raumstation ISS verbracht.

In Köln sagte Gerst, dass er als Kind immer gedacht habe, dass der Weltraum ein sehr besonderer Ort sei. Mittlerweile habe er aber realisiert, dass das komplett falsch gewesen sei. „Der einzig wirklich besondere Ort, den wir kennen und an dem wir leben können, an dem wir sein können ohne großen Aufwand: Das ist die Erde“, sagte er. Sogar dem eher unwirtlichen Wetter konnte er etwas abgewinnen. Einen Dezembertag mit Nieselregen und Kälte empfinde man normalerweise ja nicht als sehr schön. Bei ihm sei das aber anders. „Ich rieche den Boden, den Regen“, sagte er. Vielleicht mache er schon bald mal einen Spaziergang durch das Siebengebirge.

Am Flughafen wurde Gerst von Kollegen, Weggefährten und einigen Politikern in Empfang genommen. Auch der ehemalige deutsche Astronaut Thomas Reiter war gekommen. Mit seinen bei zwei Missionen insgesamt 363 Tagen im All hat Gerst inzwischen dessen Rekord gebrochen. Der aus dem baden-württembergischen Künzelsau stammende Geophysiker ist nun der Deutsche mit der längsten Weltraumpraxis.

Gersts nächstes Ziel war das sogenannte Envihab, eine medizinische Forschungsanlage des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. Er sollte dort seine erste Nacht verbringen. „Als Erstes werde ich auseinandergenommen in wissenschaftlichen Versuchen“, berichtete er. So soll sein Gehirn gescannt werden, um Rückschlüsse auf die Behandlung von Schlaganfall-Patienten zu ziehen. „Das sind so wichtige Sachen, da spendiere ich auch gerne meine erste Nacht auf der Erde für.“

In den kommenden Tagen muss Gerst weitere Untersuchungen über sich ergehen lassen. Weihnachten kann er aber in privatem Kreis verbringen. „Ja, er hat an den Feiertagen frei“, erklärte ein Sprecher des Europäischen Astronautenzentrums in Köln. Er müsse lediglich weiter trainieren, um sich zu regenerieren. Am 27. Dezember gehe es dann weiter. Die Mission sei noch nicht zu Ende, noch müssten die Ergebnisse ausgewertet werden, sagte Gerst nach der Landung.

Gerst setzt die Schwerkraft zu. „Es ist alles extrem schwer“, berichtete er. Wenn er Sachen hochhebe, zum Beispiel ein Smartphone, dann fühle es sich dreimal schwerer an - wie aus Blei. „Selbst ein Blatt Papier fühlt sich an wie ein Stück Pappe.“ Insgesamt sei er aber selbst überrascht, wie gut es ihm bereits gehe.

Der Rückflug von der ISS zur Erde hatte mehr als drei Stunden gedauert. Die Landung in der Raumkapsel habe er auch gut überstanden, sagte Gerst. Auch wenn es ein kleines technisches Problem bei seinem Kollegen gegeben habe, der nicht mehr habe kommunizieren können. Daher habe er seinen Teil der Aufgaben übernehmen müssen. Auf dem Boden war zunächst dem Russen Sergej Prokopjew aus der Kapsel geholfen worden, dann folgte seine US-Kollegin Serena Auñón-Chancellor und schließlich „Astro-Alex“ - sichtlich glücklich, winkend und guter Dinge. Er freue sich darauf, seine Familie wiederzusehen, sagte Gerst.

Für viel Aufmerksamkeit im Netz sorgte Gersts letzte Video-Botschaft vor der Rückkehr, eine fünfminütige „Nachricht an meine Enkelkinder“. Er müsse sich für seine Generation entschuldigen, sagt er darin. „Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.“ Die Menschheit sei dabei, das Klima zu kippen, Wälder zu roden, Meere zu verschmutzen und die limitierten Ressourcen viel zu schnell zu verbrauchen. Die Erde sei ein „zerbrechliches Raumschiff“ und er hoffe, dass „wir noch die Kurve kriegen.“

Über der ISS-Mission schien zeitweise kein guter Stern zu stehen. Mitte Oktober gab es beim Start einer russischen Sojus-Rakete zur ISS eine Panne. Die beiden Raumfahrer überlebten den Fehlstart dank einer Notlandung. Zwei geplante Außeneinsätze Gersts fielen weg, mit einzelnen Experimenten gab es Probleme, andere verzögerten sich oder entfielen. Für großes Aufsehen hatte ein kleines Bohrloch in Gersts Raumkapsel gesorgt. Das Leck wurde abgedichtet, doch die Ursache blieb unklar.

Ob Gerst noch einmal zur Raumstation zurückkehren wird, ist ungewiss. Darauf angesprochen sagte er in Köln aber: „Ich meine: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“

(dpa)
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