Aggression im deutschen Wald

Aggression im deutschen Wald

Wanderer und Mountain-Biker kommen sich ins Gehege. Manche werden handgreiflich.

Arnsberg. Wenn sich die Wege von Radfahrern und Wanderern im Wald kreuzen, landet manchmal ein Spazierstock in den Speichen. "Die Aggressivität nimmt zu", klagt Förster Uwe Schölmerich. "Das wird nicht selten lautstark und auch manchmal handgreiflich ausgetragen", berichtet der Experte vom Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft in Eitorf.

Nach der von einem erbosten "Hardcore"-Wanderer ausgeführten Spazierstock-Attacke sei der Carbon-Rahmen des teuren Fahrrads hin gewesen, berichtet Thorsten Schmidt von der Regionalgruppe Sauerland der deutschen Initiative Mountain-Bike. Der Fahrradfahrer blieb bei dem Sturz unverletzt. Seinen Angriff habe der rüstige Wanderer knapp mit den Worten kommentiert: "Hier wird langsam gefahren."

Doch nicht immer gehen die Begegnungen zwischen Bikern und Wanderern nur mit einem Materialschaden aus. In der Nähe von Sindelfingen stieß Anfang des Monats ein Radler (22), der mit hoher Geschwindigkeit einen Weg hinunterraste, mit einer 66-Jährigen zusammen. Die Frau erlitt lebensgefährliche Kopfverletzungen.

"Es gibt halt Radfahrer, die nur klingeln statt abzubremsen und dann erwarten, dass eine Wandergruppe sich teilt", sagt Förster Schölmerich. "Der ein oder andere scheint dabei ganz schön im Stress zu sein."

Während sich die Wanderer über rasende Radler im Wald aufregen, stellen sich solche Situationen vom Fahrradsattel aus anders dar: "Wenn man als Mountainbiker im Tritt ist und dann von Wanderern bewusst ausgebremst wird, obwohl man sich vorher bemerkbar gemacht hat, das nervt schon", stellt Radler Schmidt klar.

Lautstark sich bemerkbar machende Zweiradfahrer können aber nicht nur Fußgänger, sondern auch sensible Vierbeiner in Angst und Schrecken versetzen. "Wenn von hinten ein Radler angeprescht kommt, ist es normal, dass ein Pferd erschrickt", stellt Rothaar-Steig-Ranger Fred-Josef Hansen klar. Reiter und Biker vertrügen sich überhaupt nicht.

Mountainbiker, die sozusagen "querwaldein" unterwegs sind, machen auch Naturschützer und Waldbesitzer sauer. "Die machen sogar vor Neuanpflanzungen und Schonungen nicht halt", sagt Ferdinand Funke, stellvertretender Vorsitzender des Waldbauern-Verbandes in NRW. "Wenn dann erst mal eine Spur gelegt ist, rasen da schnell mal ein paar Hundert Räder durch", sagt er. Mit entsprechenden Schäden. Da seien schnell Jungpflanzen für ein paar hundert Euro platt, sagt Funke.

In den kommenden Wochen dürften sich die Konflikte im Schatten von Tanne, Fichte und Buche wieder zuspitzen. "Mit der beginnenden Herbstfärbung der Bäume ist jetzt neben dem Frühling die schönste Zeit im Wald", sagt Hansen. Allein auf dem Rothaarsteig sind jährlich rund 1,5 Millionen Wanderer unterwegs.

Damit es erst gar nicht zu Auseinandersetzungen kommt, hat Hansen vorgesorgt. "Wir betreiben schon einiges an Verkehrslenkungsmaßnahmen im Wald." Reiter aus dem Umfeld interessanter Bike-Strecken wurden verbannt. Und auch Mountainbiker sehen die Wanderer auf dem Rothaarsteig selten, weil es in der Region reichlich auf Biker zugeschnittene Angebote gibt.

So etwas ist leider selten, berichtet der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC). "Die Mittelgebirge sind in ganz Deutschland sehr beliebt", sagt Bettina Cibulski von der ADFC-Bundesgeschäftsstelle in Bremen. Und natürlich gebe es immer wieder einzelne Mountainbiker, die wenig Rücksicht auf Wanderer nehmen oder aber abseits der Wege durch den Wald fahren. "Wir können aufrufen so viel wir wollen, aber es halten sich nicht alle daran", sagt Cibulski.

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