Achim Reichel: Deutschrocker mit Liebe zur Lyrik

Achim Reichel: Deutschrocker mit Liebe zur Lyrik

Rock’n’Roll, Seemannslieder oder lyrische Balladen. Achim Reichel legte sich musikalisch nie fest. Heute wird er 70.

Hamburg. Vom Seefahrersohn zum Geschichtenerzähler: Als Achim Reichel 1960 eine Kellnerlehre im Restaurant an den Hamburger Landungsbrücken begann, wollte er noch „auf Vaters Spuren als Schiffssteward“ die Weltmeere bereisen, schreibt der Musiker auf seiner Internetseite. Doch schon im Jahr darauf folgten erste Auftritte mit The Rattles. Seit mehr als fünf Jahrzehnten steht das Urgestein der Hamburger Musikszene auf der Bühne. Heute wird Reichel 70 Jahre alt.

Im Moment habe er wenig Zeit, heißt es aus seinem Büro — „auch Feierlichkeiten anlässlich eines runden Geburtstages müssen dabei auf der Strecke bleiben“. Reichel stecke in den Aufnahmen für ein Album. Zuletzt war „Solo mit Euch — mein Leben, meine Musik, gesungen und erzählt“ (2010) erschienen. Seit 2009 trat er mit dem Programm auf, „bei dem es nicht nur darum ging, zwanzig Lieder abzuspielen und Tschüss zu sagen. Es ging auch darum zu erzählen, wie es war in einem Leben, in dem ich mit dem Fahrstuhl nach oben, jederzeit auch wieder abwärts rauschen konnte“, wie er beschreibt. Reichel kann auf eine spannende Karriere im Showgeschäft zurückblicken. Als Rock’n’Roll-Musiker ging er die ersten Schritte, mit der Band The Rattles spielte er im 1962 eröffneten „Star-Club“ auf der Reeperbahn.

Den dortigen Bandwettbewerb gewannen die Rattles und wurden als erste deutsche Gruppe in dem legendären Club auf St. Pauli engagiert, in dem 1962 auch die Beatles für drei Auftritte auf der Bühne standen. Vier Jahre später spielten die Rattles als Vorband auf der einzigen Deutschlandtour der Beatles, zuvor waren sie bereits mit Kollegen wie Little Richard, Joe Cocker oder den Rolling Stones unterwegs.

„Ach, die alten Geschichten“, denke er immer, wenn ihm Fragen zu jener Zeit damals gestellt werden, sagte Reichel einmal in einem Interview. Auf derselben Bühne zu stehen wie die Beatles, müsse doch irre gewesen sein, heiße es dann stets. „Aber das hat man damals alles gar nicht so realisiert“, sagte er, „das wird einem erst später klar“.

Mitte der 70er Jahre veröffentlichte Reichel Alben mit verrockten Seemannsliedern. Für „Regenballade“ (1978) vertonte er die Texte von Dichtern wie Goethe und Fontane. In den 80er und 90er Jahren folgten zahlreiche weitere Veröffentlichungen, Hits wie „Der Spieler“ sowie das Erfolgsalbum „Melancholie und Sturmflut“ mit Liedern wie „Aloha Heja He“ und „Kuddel Daddel Du“.

Eigentlich hatte er es ruhiger angehen lassen wollen, trotzdem verlängerte der Musiker immer wieder seine „Solo für Euch“-Tour. Hundertmal stand er bis zum vergangenen Jahr damit auf der Bühne. Es sei eine große Erfahrung gewesen, fünf Jahre in deutschen Landen unterwegs zu sein und dabei „100-mal auf ein begeistertes Publikum zu treffen“, schreibt Reichel auf seiner Internetseite und verspricht seinen Fans: „Auf bald.“

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