Wuppertaler Bayer-Betriebsrat erwartet harte Auseinandersetzung

Bayer-Krise: Bayer-Betriebsrat in Wuppertal erwartet „harte Auseinandersetzung“

Die Nachricht ist in Wuppertal eingeschlagen wie eine Bombe: 750 Stellen sollen am dortigen Bayer-Standort gestrichen werden - mehr als zuvor angekündigt. „Hammerharte Informationen“ für den Betriebsrat und die Belegschaft vor Ort.

Vielleicht ist Wuppertal derjenige unter den Bayer-Standorten, an dem der angekündigte weltweite Stellenabbau den irrsinnigsten Anschein macht. Unten im Tal an der Wupper der nigelnagelneue Glaspalast zur Produktion des Wirkstoffs Faktor VIII, jetzt nur noch ein Investitionsgrab für eine halbe Milliarde Euro und Symbol für den Verlust von 350 Arbeitsplätzen. Weiter oben das Forschungs- und Entwicklungszentrum Aprath, wo ebenfalls ein dreistelliger Millionenbetrag in die Hand genommen wurde, um bis Ende 2019 ein siebenstöckiges Laborgebäude zu errichten – und nun die Botschaft, dass auch hier 400 Arbeitsplätze gestrichen werden.

„Die Katze ist aus dem Sack“, sagt der Wuppertaler Betriebsratsvorsitzende Michael Schmidt-Kießling, als er am Donnerstagmorgen vor die Bayer-Sporthalle Rutenbeck tritt. Neben ihm strömen die Forschungsmitarbeiter zu den Bussen und Autos, um den Ort zu verlassen, an dem ihnen gerade der Leiter der Forschung und Entwicklung im Pharmabereich, Jörg Möller, eröffnet hatte, dass bei ihnen deutschlandweit mehr als 1000 Stellen gestrichen werden. Das trifft die beiden großen Forschungsstandorte Berlin und Wuppertal gleichermaßen.

Das Unternehmen selbst äußert sich nicht zu den genannten Zahlen. Ein Sprecher verweist nur auf die Presseerklärung aus der vergangenen Woche: Darin heißt es über die Pharmaforschung, vorgesehen sei weltweit ein Abbau von 900 Arbeitsplätzen bis Ende 2021.

Unternehmen will gute Produkte
verstärkt einlizensieren

Schmidt-Kießling spricht von „hammerharten Informationen, die uns vor große Probleme stellen“. Der Betriebsrat akzeptiere die Zahlen nicht. „Ich glaube, das wird eine harte Auseinandersetzung.“ Das Unternehmen verfolge die Strategie, bestimmte Dinge in der Forschung nicht mehr selber zu machen, sondern einzukaufen, „und verlässt sich auf diese Risikofrage, dass man gute Produkte einlizensieren kann“. Für die Kollegen vor Ort sei das ein Schlag ins Gesicht. Ganz viel Know-how werde unwiederbringlich verlorengehen. „Die Art und Weise, wie die Entscheidung heute verkündet wurde, war aus unserer Sicht nicht wertschätzend für die Belegschaft.“

Insgesamt ist in Wuppertal gut die Hälfte der 3400 Beschäftigten in der Forschung und Entwicklung tätig. Betroffen sind nach Angaben des Betriebsrats nicht nur Mitarbeiter in Aprath, sondern auch im Werk Elberfeld. Wuppertal ist damit der Standort, der schon sehr zeitnah Klarheit hat, wo und in welchem Umfang er mit Stellenabbau zu rechnen hat. Nach Einschätzung des Bayer-Gesamtbetriebsrats wird es nämlich noch bis ins nächste Frühjahr dauern, ehe Gleiches für alle deutschen Standorte gilt. Bisher ist nicht einmal gesichert, wie viele der weltweit 12 000 Stellen in Deutschland gestrichen werden sollen.

Noch kein Patentrezept gibt es derzeit auch, wie der Personalabbau überhaupt sozialverträglich gestaltet werden soll. Ein Altersteilzeitprogramm mit dem Titel „57+“ ist im Gespräch, auch andere Abfindungmodelle stehen in der Diskussion. In der „Gemeinsamen Erklärung“ von Vorstand und Betriebsrat ist noch vage von „neuen Personalanpassungsinstrumenten“ die Rede. Jährlich ist eine Überprüfung vereinbart, ob die Maßnahmen auch fruchten. Versetzungen werden aus Betriebsratssicht schwierig, weil in den meisten Unternehmensbereichen Arbeitsplätze entfallen sollen.

Die Politik in Wuppertal reagiert empört auf die neuen Zahlen. Josef Neumann, arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion und Wuppertaler Abgeordneter, fordert von Bayer „Klarheit und Ehrlichkeit und ein Ende der Salami-Taktik“. Sein Wuppertaler Fraktionskollege Dietmar Bell sieht den Forschungsstandort nachhaltig geschädigt.

CDU und Grüne bringen zur nächsten Ratssitzung am 17. Dezember eine Resolution ein. Darin ist von unternehmerischen Fehlentscheidungen und Managementfehlern die Rede, „die offenbar lange Zeit unter der Decke gehalten wurden“. Man erwarte von der Unternehmensleitung „ein klares Bekenntnis zu einem Industriestandort mit langjähriger Firmentradition“. Auch die Jusos sprechen „von einer krassen Fehlplanung der Bayer-Geschäftsführung“ und äußern die Hoffnung, „dass die Konzernspitze ihre Pläne noch einmal überdenkt“.

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