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Zwölf Wuppertaler Grundschulen fehlt ein Rektor

Bildung : Zwölf Grundschulen fehlt ein Rektor

Jede fünfte in Wuppertal muss mit Provisorien arbeiten: Die Aufgaben übernehmen Stellvertreter oder Leitungskräfte anderer Schulen.

An zwölf der 56 Wuppertaler Grundschulen ist der Rektorposten nicht besetzt. Das sind 21 Prozent, mehr als im Landesschnitt. NRW-weit wird für jede zehnte Grundschule eine Schulleitung gesucht. Die Schulen müssen mit Provisorien weiterarbeiten.

Rainer Quint weiß manchmal nicht, wo er eigentlich ist. Der Schulleiter kümmert sich um zwei Grundschulen gleichzeitig. An der Wichlinghauser Straße ist er schon lange Schulleiter, an der Windhorststraße seit August kommissarischer. Denn dort ist die Leiterstelle im dritten Jahr unbesetzt. Mittwochs und den halben Donnerstag verbringt er an der Windthorststraße, den Rest der Woche in seiner Stammschule. Am Computer kann er zum Glück auf Daten beider Schulen zugreifen. Quint ist einer von fünf Wuppertaler Schulleitern, die für zwei Schulen zuständig sind, um unbesetzte Leiterstellen zu kompensieren.

Als Gründe für den Mangel an Grundschulleitern nennt Richard Voß von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die zunehmende Belastung mit Verwaltungsaufgaben und die immer noch zu geringe Bezahlung. Die Erhöhung vor zwei Jahren reiche noch nicht.

Genauso sieht es Michael Goecke vom Verband Erziehung und Bildung (VBE), wie Voß selbst Leiter einer Grundschule: „Die Aufgaben werden immer umfassender, man muss sich um Verwaltungsdinge kümmern, nicht um die Kinder.“ Seine Erfahrung: „Es gibt viele Lehrer, die das Zeug zur Leitung hätten, aber die sagen, wenn ich diese Arbeit sehe, lasse ich die Finger davon.“

Weil seine Sekretärin nur einen Tag pro Woche arbeitet, fertigt er oft Formulare für Eltern: „Die können nicht eine Woche warten.“ Gern würde er jetzt Anmeldebestätigung für die Schule und gegebenenfalls die Ganztagsbetreuung gleichzeitig verschicken. Doch diese Zuordnung brauche Zeit. Sarkastisch sagt er: „Das ist sehr gut bezahlte Sekretariatsarbeit.“

Richard Voß verweist darauf, dass 90 Prozent der Lehrkräfte an Grundschulen Frauen sind, diese noch immer stärker durch Familienarbeit eingebunden seien. „Deshalb gibt es viele Männer, die sich bewerben, und viele Frauen, die sich nicht bewerben.“

Besonders weibliche Grundschullehrkräfte zur Übernahme einer Leitungsfunktion zu ermutigen, war 2015 Ziel eines Pilotprojekts. Interessierte Lehrerinnen trafen sich mit erfahrenen Rektorinnen, die ihnen als Mentorinnen Tipps gaben. Das Projekt sei sehr erfolgreich gewesen, berichtet Christina Willert vom Schulamt. Alle fünf Teilnehmerinnen hätten sich danach auf Leitungsstellen beworben. „Das ist ein gutes Instrument, um Menschen auf den Weg zu bringen“, bilanziert sie. Es solle wiederholt werden, diesmal auch für männliche Lehrer.

Unterstützungs-Struktur
für die Schulleiter

Auf Gespräche setzt das Schulamt auch beim Umgang mit unbesetzten Rektorstellen. Laut Schulgesetz müssten sie zunächst in der Schule nach einer Leitungskraft suchen, erklärt Christina Willert. Das könne die bisherige Stellvertretung sein, aber auch die dienstälteste Lehrkraft der Schule.

Die Übernahme der Aufgabe sei oft mit Ängsten verbunden, sagt Christina Willert, daher hätten sie eine Struktur der Unterstützung geschaffen: Es gebe regelmäßige Treffen zum Austausch und einen eigenen Kreis für Neulinge in der Leitung. Aus ihrer Sicht seien die Leitungskräfte sehr solidarisch untereinander, wollten Kollegen nicht hängen lassen. Das ist auch von Lehrkräften zu hören, die in Leitungsfunktion eingesprungen sind, darüber aber nicht öffentlich sprechen möchten.

An der Grundschule Windthorststraße habe die Leitung erst eine erfahrene Lehrerin übernommen, erzählt Rainer Quint. Aber die habe das nicht auf Dauer tun wollen. Auch die Schulleiterkollegin nicht, die dann den Doppelposten übernahm. Nach den Sommerferien hat er übernommen.

Anfangs fiel es ihm leicht. Aber mit der Zeit habe er gemerkt: Es ist die mentale Belastung, die ihn fordert – er muss eben zwei Schulen organisieren: Manchmal wisse er nicht gleich, für welche Schule er eine Aufgabe schon erledigt hat und für welche nicht. Und: „Ich merke, dass ich nicht mehr so leicht abschalten kann.“

Seine „Entlastungsstunden“, also Befreiung vom Unterricht, kann er gar nicht alle nutzen, denn er unterrichtet aktuell gar nicht. Immerhin kann er die Stunden im Kollegium abgeben. Er ist dankbar, dass er Hilfe hat: „Ich kann mich auf meine Konrektorin Christine Jarisch sehr verlassen.“ Und ohne die Kollegin Brigitte Trapp an der Windthorststraße würde ihm auch dort die Leitung überfordern.

Trotzdem hofft er, den Doppeljob nicht länger als ein Jahr machen zu müssen. Das gehe auch zu Lasten der Kinder: „Ich habe keine Zeit und Muße mehr, visionär zu arbeiten.“ Vor allem an der Windthorststraße gehe es nur um Qualitätssicherung. Für Ideen, die Schule weiterzuentwickeln, neue Themen aufzugreifen, gebe es keine Kapazität.