Oper Direkt zwei Opern in Wuppertal: Meisterleistungen und große Liebe zum Detail

Doppelpremiere mit zwei Opern: „Erwartung“ von Arnold Schönberg und „Der Wald“ von Ethel Smyth.

Röschen (Mariya Taniguchi, l.) wird von Dorfbewohnern geneckt. Im Bild: der Opernchor mit Bariton Zachary Wilson (Mitte) als Hausierer.

Röschen (Mariya Taniguchi, l.) wird von Dorfbewohnern geneckt. Im Bild: der Opernchor mit Bariton Zachary Wilson (Mitte) als Hausierer.

Foto: Björn Hickmann/ stage picture

Es war ein besonderer, ein großartiger und beglückender Opernabend, der mit den beiden kurzen Opern „Erwartung“ von Arnold Schönberg und „Der Wald“ von Ethel Smyth am Sonntag in Wuppertal Premiere hatte. Es war das, was man gern „einen großen Wurf“ nennt. Alle Beteiligten boten bewundernswerte Meisterleistungen und eine große Liebe zum Detail.

Arnold Schönbergs 30-minütiges Monodrama „Erwartung“ fokussiert sich auf den Seelenzustand einer Frau, die auf der Suche nach ihrem Geliebten im nächtlichen Wald auf eine Leiche stößt. Sie ist allein auf der Bühne und bewegt sich im Strudel ihrer Gedanken und Ängste.

Mezzosopran Hanna Larissa Naujoks meistert in der Rolle der Frau brillant die allerhöchsten stimmlichen und darstellerischen Anforderungen.

Mezzosopran Hanna Larissa Naujoks meistert in der Rolle der Frau brillant die allerhöchsten stimmlichen und darstellerischen Anforderungen.

Foto: Björn Hickmann/ stage picture

Im ästhetischen und stimmigen Bühnenbild von Julia Katharina Berndt befindet sich die Frau in der Rezeption eines Waldhotels oder vielleicht einer psychiatrischen Klinik. Holz als Material genügt, um den Wald spürbar zu machen, in der Raummitte hängt ein großes expressionistisches Waldgemälde. Hanna Larissa Naujoks meistert in der Rolle der Frau allerhöchste Anforderungen und gestaltet mit vorzüglichem, klangstarkem Mezzosopran glaubhaft einen dramatischen inneren Monolog aus Erleben, Erinnerungen und Ahnungen.

Stets agiert sie dabei überzeugend und lässt das Publikum an ihren Seelenqualen und Wehklagen teilhaben. Romantische Partien wechseln mit expressiven Ausbrüchen, auf realistisch anmutende Situationen folgen angstvolle Bilder von Geistern und nächtlichen Schatten. Es sind Trugbilder, auch wenn sie tatsächlich auf der Bühne erscheinen. Stets ist das zu sehen, was das Orchester mit Schönbergs expressiver Musik erzählt. Der Komponist lässt in dieser frühen Oper – 1909 geschrieben und erst 1924 am Neuen Deutschen Theater in Prag uraufgeführt – die Musik frei strömen.

Sie ist voller Farben und Emotionen und lässt dem sehr groß besetzten Orchester fast unbegrenzte Möglichkeiten der Interpretation. Generalmusikdirektor Patrick Hahn gestaltet daraus ein beeindruckend dichtes Musikdrama, mit einem Wechselbad der Gefühle. „Die Erwartung“ endet, als die Frau auf überraschende Weise den Raum verlässt. Regisseur Manuel Schmitt schafft eine geniale Verbindung der beiden Opern. Er lässt sie nahtlos in einander übergehen und verzahnt sie an vielen Stellen wie selbstverständlich miteinander. Beinahe erscheint die erste Oper wie eine spannende Vorgeschichte für das, was später im Wald passiert. Das Bühnenbild bleibt, geht stärker in die Tiefe.

Zart erklingt die romantische Musik von Ethel Smyth und schon befindet man sich in der zweiten Oper „Der Wald“. Intendantin Rebekah Rota und ihr Team setzten das Werk der beinahe vergessenen englischen Komponistin Ethel Smyth (1858-1944) auf den Spielplan, und taten gut daran. Denn Musik und Regie schaffen - auch in der Verbindung beider Opern – ein eindrucksvolles und beglückendes Opernerlebnis.

„Der Wald“ ist musikalisch und inhaltlich von deutscher Romantik geprägt. Wer mag, hört Anklänge an Brahms und Wagner, die Liebesgeschichte erinnert an den Freischütz, das tragische Ende eher an Tristan und Isolde. Es ist die typische Musik der deutschen romantischen Oper, aber Ethel Smyth schuf ihre ganz eigene, reichhaltige, kraftvolle und dramatische Klangwelt. Sie erfüllt in ihrem einaktigen Frühwerk alle Klischees und man kann durchaus alle genießen.

Die Engländerin studierte in Leipzig und schrieb ihre Oper für deutsche Bühnen. „Der Wald“ wurde 1902 in der Hofoper Berlin, der heutigen Staatsoper, uraufgeführt. Sie war 1903 die erste, und bis 2016 die einzige Oper einer Frau, die an der Metropolitan Opera in New York gespielt wurde. Auch das Libretto schrieb Smyth in deutscher Sprache und sie schuf zwei selbstbewusste, starke Frauen.

Die erste ist Röschen – mit klangreinem Sopran gesungen und glaubhaft gestaltet von Mariya Taniguchi. Ihr Schicksal nimmt am Abend vor ihrer Hochzeit eine dramatische Wendung. Ihr Verlobter, der Holzfäller Heinrich, hat gewildert – worauf in dieser Zeit die Todesstrafe steht. Ensemblemitglied Sangmin Jeon gestaltet Heinrich sehr überzeugend mit klangreinem Tenor.

Edith Grossmann, ebenfalls vom Ensemble, überzeugt mit strahlkräftigem Mezzosopran und ausdrucksstarkem Spiel als Jolanthe, die zweite starke Frauenfigur. Sie ist ihres Geliebten Landgraf Rudolf überdrüssig (klangschön: Bariton Samueol Park von der Deutschen Oper Berlin a.G.), begehrt Heinrich und will seine Liebe mit Macht erzwingen. Ein Hausierer (mit schönem, lebendigen Bariton verkörpert von Zachary Wilson) erscheint mit einem Burschen im Bärenkostüm (Mira Ilina vom Kinder-Opernclub) und bietet Dinge an, die sich als Hochzeitsgeschenk für Röschen eignen. Es sind vor allem Uhren - ein symbolträchtiges Geschenk. Später finden Jäger das gewilderte Reh, halten den Hausierer für den Wilderer, doch der verweist auf Heinrich als Täter. Die Lage für Röschen und Heinrich spitzt sich zu.

Eine beeindruckende Hauptrolle in diesem Psychothriller spielen Opernchor und Extrachor der Wuppertaler Bühnen. Klangstark, facettenreich und bestens einstudiert von Ulrich Zippelius, meistern sie als Waldgeister und Dorfbewohner mit wunderschönem Chorgesang höchste Anforderungen. Fröhliche, fast folkloristische Szenen wechseln mit bedrohlichen, bisweilen gruseligen Momenten. Exzellent sind Personenführung und Choreografie in den sehr bewegten Chorszenen. Die Musik enthält lyrische Elemente, anrührende Liebesduette und hochdramatische Tuttiklänge. Smyth schrieb wundervolle, aber technisch sehr herausfordernde Musik. Das Sinfonieorchester zeigt unter Patrick Hahns Dirigat, dass es diese Herausforderung großartig meistern kann.

In Schönbergs Oper „Erwartung“ bleibt offen, ob die Frau ihren Geliebten selbst getötet hat. In „Der Wald“ wird diese Frage schließlich beantwortet. Der Chor hat das Schlusswort in dem - in jeder Sekunde spannenden - Drama.

Der Radiosender Deutschlandfunk Kultur hat die Oper „Der Wald“ aufgezeichnet und wird sie am 1. Juli senden.

Vorher sollte man jedoch eine der kommenden vier Vorstellungen besuchen und die beiden spannendem kurzen Opern live erleben.

Über den wenig geläufigen Inhalt und viele weitere Dinge erfährt man eine Menge im digitalen Programmheft und in der „Einführung to go“, die Dramaturgin Laura Knoll hervorragend informativ gestaltet hat.

Erwartung - Musikalisches Monodrama in einem Akt von Arnold Schönberg. Libretto von Marie Pappenheim. In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln. Eine Frau – Hanna Larissa Naujocks.

Der Wald - Oper und Libretto von Ethel Smyth. In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.

Solisten, Opernchor und Extrachor der Wuppertaler Bühnen, Sinfonieorchester Wuppertal. Dauer: ca. 1,5 Stunden, ohne Pause. Termine: 28.04./ 4.05./10.05./18.05.2024

Erwartung und Sigmund Freuds Psychoanalyse

Das Libretto zu Schönbergs Oper „Erwartung“ schrieb die Ärztin Marie Pappenheim, die auch Kenntnisse in der damals noch jungen Psychoanalyse hatte. In ihrem Text stellte sie Querverbindungen zu Freud und der Psychoanalyse her.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort