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Zur Bedeutung der Kirchen in Wuppertal: Wir müssen uns quer stellen

Das Schweigen der Kirchen : „Wir müssen uns querstellen“

In der Heiligen Nacht sind auch in Wuppertal die Gotteshäuser voll. Derweil sind die großen Kirchen auf Sinnsuche. Welche Rolle spielen sie noch in der Gesellschaft über die Wohlfahrtspflege hinaus?

Werner Kleine sieht seine katholische Kirche in der Defensive. Er fordert Klarheit, Wahrheit und Transparenz. Spätestens seit 2009 befinde sich die Kirche in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise. Damals erschütterte der Missbrauchsskandal die Öffentlichkeit. Er ist bis heute nicht aufgearbeitet. Das ärgert den Pastoralreferenten. Und es hat Folgen.

„Ich bin seit 15 Jahren auf der Straße und habe alle Höhen und Tiefen erlebt.“ Als er mit seinen Platzreden angefangen hat, sei die Kirche noch relevant gewesen. „Damals saßen Würdenträger in den TV-Talkshows, heute sitzen da Hundetrainer.“ Die Kirche habe in den Jahren seit dem Skandal aber auch nicht viel gelernt. „Niemand übernimmt die Verantwortung“, kritisiert Kleine. Zwar könne ein Bischof nicht zurücktreten und allenfalls seine Ämter ruhen lassen. Aber das hätten bisher viel zu wenige getan. „Margot Käßmann hat nach ihrer Alkoholfahrt wenigstens Haltung gezeigt.“ Die evangelische Bischöfin war zurückgetreten. „Wir dürfen uns nicht wundern, wenn die Leute sich fragen, ob wir noch alle Latten am Zaun haben.“

Ihre Akzeptanzkrise trifft die großen Kirchen in einer Zeit, in der sie wichtiger sein könnten, als jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Gesellschaft driftet auseinander. Jung gegen Alt, Umweltschutz gegen Wirtschaftswachstum, Nationalisten gegen Weltoffene, Engstirnigkeit gegen Toleranz, Rassisten gegen Humanisten. Und die Kirchen sind nicht im Stande, ihr Wort zu erheben oder mit ihren Worten durchzudringen. Dabei haben sie auch beim beherrschenden Thema Klimaschutz eigentlich eine Kernkompetenz.

Bewahrung der Schöpfung
steht als Auftrag in der Bibel

Die Bewahrung der Schöpfung steht als Auftrag in der Bibel. „Die Gesellschaft braucht die Botschaft, dass wir die Welt nur geliehen haben“, sagt der evangelische Pfarrer Werner Jacken. Er verbindet das mit der Weihnachtsgeschichte vom nackten Säugling in der Krippe und erinnert an das verletzliche Wesen, dessen Maxime nicht höher, weiter, schneller sei.

Für Kleine leitet sich daraus der Auftrag an die Kirchen ab, nicht länger zu schweigen. „Wenn wir die Stimme Gottes in der Welt sein wollen, dann müssen wir uns querstellen zu allen und Störsender sein, wo etwas nicht funktioniert.“ Das gilt für ihn auch in der Debatte um den Klimaschutz. „Ja, wir müssen die Schöpfung bewahren. Aber aus der Debatte darum leitet sich auch eine soziale Frage ab“, sagt er und erinnert an die Beschäftigten, in der Automobilindustrie, deren Arbeitsplätze zu Zigtausenden vermutlich verschwinden werden. „Die katholische Sozialethik bildet das ab“, sagt Kleine. Es sei aber weit und breit kein Sozialethiker mehr zu sehen. „Und unsere Würdenträger stehen alle im Verdacht, nicht glaubwürdig zu sein.“

Menschen dächten in Bildern, die Fridays-for-Future-Bewegung und Greta Thunberg zeigten das. „Bei uns sehen sie alte Männer in komischen Kleidern“, sagt Kleine.

Sowohl Kleine als auch Jacken sind dennoch optimistisch, dass die Zeit ihrer Kirchen längst nicht vorbei ist. Während Jacken darauf verweist, dass seine Kirche seit jeher auf allen Kanälen und in allen Sprachen funke, vielleicht kleiner werde, mit leichterem Gepäck reise und dennoch oder deshalb immer bei den Menschen sei, rechnet Kleine in absehbarer Zeit mit größeren Umwälzungen. „Noch haben die beharrenden Kräfte in der katholischen Kirche das Sagen, aber nicht mehr lange.“ Frauen als Priesterinnen sehe er langfristig freilich nicht. „Aber Frauen hinter Altären. Das wird das ganze System verändern. Und ich werde das noch erleben. Das hätte ich vor fünf Jahren noch nicht gesagt.“