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Zehn Soldaten verstärken Wuppertaler Gesundheitsamt in der Pandemie

Kontrollverlust über das Infektionsgeschehen droht : Wuppertal hofft auf weitere Verstärkung durch die Bundeswehr

Aus Sorge, die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zu verlieren, hat die Stadt Wuppertal Unterstützung für die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes durch die Bundeswehr angefordert.

Am dritten Tag in Folge liegt die Zahl der Neuinfektionen in Wuppertal über den Höchstwerten zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr. Aus Sorge, die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zu verlieren, hat die Stadt Unterstützung für die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes durch die Bundeswehr angefordert. Seit Montag helfen zehn Soldaten vom Standort Kalkar bei der Nachverfolgung der Infektionsketten im Elberfelder Verwaltungshaus mit. Am Donnerstag stellte General Torsten Gersdorf, Kommandeur des Landeskommandos Nordrhein-Westfalen der Bundeswehr, nun der Wuppertaler Stadtspitze in Aussicht, dass weitere Soldaten als Unterstützung hinzukommen. Außerdem soll geprüft werden, ob der Einsatz der Soldaten über den bisher vereinbarten Zeitraum hinaus verlängert werden kann.

Eine letzte Chance, um
den Lockdown zu verhindern

Es werde Wochen, wenn nicht gar Monate dauern, die Kurve der Neuinfektionen wieder abzuflachen, sagte Oberbürgermeister Andreas Mucke. Allein am Mittwoch wurden 71 Neuinfektionen in der Stadt bestätigt. Damit stieg die Anzahl der aktuell infizierten Wuppertaler auf 333 an, der Inzidenzwert der Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen bezogen auf 100 000 Einwohner kletterte auf den bisherigen Höchstwert von 84,23. Damit liegt Wuppertal deutlich über den von Bund und Land definierten Grenzwerten für Risikogebiete mit Werten von 35 beziehungsweise 50.

„Die Bundeswehr ist auf Anfrage der Stadt Wuppertal im Einsatz. Wir sind diejenigen, die am schnellsten zur Verfügung stehen. Die zehn Soldaten leisten einen ersten Beitrag. Wir haben mit der Stadtspitze über eine mögliche Ausweitung der Unterstützung gesprochen. Das wird nun geprüft“, sagte Torsten Gersdorf im Eingangsbereich des Elberfelder Rathauses. Im Amtszimmer nebenan griffen Stabsdienst-Soldaten zum Telefonhörer, um getestete Personen über ihre Ergebnisse zu informieren, oder Menschen zu befragen, die mit Infizierten in Kontakt waren.

„Wir sind der Bundeswehr sehr dankbar für ihre schnelle Hilfe“, erklärten Andreas Mucke und Johannes Slawig, Leiter des Krisenstabs, die genau wie Gesundheitsdezernent Stefan Kühn auf die Zuspitzung der Lage innerhalb weniger Tage in Wuppertal hinwiesen. „Allen sollte jetzt bewusst sein, dass dies unsere letzte Chance ist, einen großen Lockdown zu verhindern. Wir alle müssen uns schützen, um andere zu schützen“, appellierte Andreas Mucke an die Wuppertaler.

„Die Hilfe der Soldaten kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn wir haben die Situation noch im Griff, sind aber an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit angekommen. Unsere Mitarbeiter sind seit einem halben Jahr im Dauerstress“, sagte Johannes Slawig. Knapp 3000 Wuppertaler befinden sich aktuell in Quarantäne. Das bedeutet, dass tausende Kontaktaufnahmen des Gesundheitsamtes innerhalb weniger Tage erforderlich sind, um die betroffenen Menschen zu informieren und die Quarantäne-Auflagen zu kontrollieren. „Bei unseren Mitarbeitern ist die Freude sehr groß über die Entlastung durch die Soldaten“, sagte Dr. Ute Wetzel, Leiterin des Gesundheitsamtes.

Unkontrollierte Verbreitung
könnte schlimme Folgen haben

Die Aufgabe der Nachverfolgung der Infektionsketten sei mit der zu Beginn der Pandemie nicht vergleichbar, erklärte Stefan Kühn. „Damals waren Kitas und Schulen geschlossen, viele Menschen arbeiteten im Home-Office oder in Kurzarbeit, die Freizeitaktivitäten waren heruntergefahren. Heute kommen wir bei einer Infektion schnell auf 50 und mehr Kontakte, die überprüft werden müssen“, so der Gesundheitsdezernent. Eine unkontrollierte Verbreitung von Covid-19 habe  schlimme Folgen. Noch seien Altenheime und Krankenhäuser in der Stadt nicht von einer Zunahme der Infektionen betroffen, doch das könne sich bei einem unkontrollierten Infektionsgeschehen ins Negative drehen.

Die zehn Soldaten sind zum größten Teil in Wuppertaler Hotels untergebracht, aber es sind auch sogenannte Heimschläfer darunter. „Wir achten darauf, dass die Soldaten aus dem Umkreis der jeweiligen Region zum Einsatz kommen“, sagte General Gersdorf. Vor Wuppertal hatte bereits Remscheid Unterstützung durch Soldatinnen und Soldaten erhalten. Die Bürger in Uniform sind als Helfer bei der Personenkontaktverfolgung auch in anderen Städten und Landkreisen sehr gefragt und daher dürfte sich eine zusätzliche Verstärkung der Helfergruppe für Wuppertal im einstelligen beziehungsweise im günstigsten Fall im niedrig zweistelligen Bereich bewegen.

Der weitere Bedarf hängt grundsätzlich von der Entwicklung der Fallzahlen ab und nicht zuletzt auch davon, wie schnell es der Stadt gelingt, weiteres Personal für das Gesundheitsamt zu verpflichten. Mit einem schnellen „Abzug“ der Soldaten aus Wuppertal rechnet Oberbürgermeister Andreas Mucke allerdings aufgrund der extremen Zuspitzung der Lage nicht: „Wir sind froh, dass die Bundeswehr uns unterstützt - und das hoffentlich noch länger.“