WZ-Interview mit Musiker Sascha Gutzeit: Visionen: AC/DC im Stadion und Riverdance in Beyenburg

WZ-Interview mit Musiker Sascha Gutzeit: Visionen: AC/DC im Stadion und Riverdance in Beyenburg

Nach dem satirischen Ausblick aufs neue Jahr spricht Sascha Gutzeit mit Blick auf Rathaus Klartext – mit einem Schmunzeln.

Herr Gutzeit, erst einmal Glückwunsch zum Dezernenten-Posten. Sie scheinen ja ein dickes Fell zu haben. Besitzen Sie darüber hinaus überhaupt eine Krawatte für die vielen offiziellen Termine, die Sie nun erwarten? Gutzeit: Dankeschön! Natürlich habe ich ein dickes Fell - ich bin schließlich schon über 15 Jahre lang in Wuppertal kulturell aktiv. Ich trage gerne Krawatten und warum nicht auch zu einem offiziellen Termin? Selber binden kann ich leider nicht, da ich viele gebrauchte, fertig gebundene Krawatten auf dem Vohwinkeler Flohmarkt gekauft habe. Wo hakt es im Kulturbetrieb? Gutzeit: Viel zu viel künstlerisches Schaffen wird hier ignoriert - vielleicht auch, weil man nichts damit anzufangen weiß. Weil ganz oben das Selbstbewusstsein und / oder das Interesse fehlt, Wuppertaler Kultur für voll zu nehmen und konsequent nach vorne zu bringen. Enttäuschung darüber habe ich von vielen Künstlern gehört, und mit dem Wuppertal-Musical habe ich es selbst erlebt. Man muss sich nur mal überlegen, was eine selbstbewusste Stadt wie Köln machen würde, wenn sie ein Musical über sich selber hätte. Wo werden in den 100Tagen Ihre Schwerpunkte liegen? Gutzeit: Meine Schwerpunkte? Also, erst einmal (ganz am Anfang der 100 Tage, vielleicht sogar vor dem Frühstückskaffee) werde ich sicherstellen, dass ich im Rathaus von Leuten umgeben bin, die nicht nur ihren Job machen, sondern sich auch zu 100 Prozent mit Wuppertal identifizieren. Dann würde ich zusehen, dass unsere kulturelle Vielfalt innerhalb der Stadt besser publik gemacht wird und außerhalb auch, denn die Massen sollen nicht nur am NRW-Tag nach Wuppertal kommen! Ich habe auf meinen Tourneen immer wieder feststellen müssen, dass man vielerorts glaubt, in Wuppertal sei der kulturelle Hund begraben. Und die anderen Hunde auch. Ist das wirklich wahr? Gutzeit: Das habe ich leider viel zu oft erlebt. Man sollte dringend mit dem Tiefstapeln aufhören. Ich würde beispielsweise für "Barmen live" einen wahren Top-Act (und keine ELO-Coverband - was sollte das denn???) für ein paar Scheine mehr buchen, damit auch dann Menschen aus ganz NRW zu uns ins Tal strömen - und eben nicht nur zum NRW-Tag. Roger Cicero, Wir sind Helden oder von mir aus auch Howard Carpendale auf dem Geschwister-Scholl-Platz, das hätte was. Und abgesehen von diesem Top-Act sollten unsere Stadtfeste vom Programm her von Wuppertalern bestritten werden und in Wuppertaler Hand sein, und nicht in der Hand von Firmen, die hauptsächlich interessiert, dass der Bierwagen einen Hammer-Umsatz macht.

"Wir müssen noch deutlicher erkennen, dass es sich lohnt, im Tal Kultur zu erleben und zu unterstützen." Sascha Gutzeit

Was stünde langfristig noch auf Ihrem Plan? Gutzeit: Selbstverständlich werde ich bei Gelegenheit auch AC/DC ins Stadion am Zoo holen (Entschuldigung, liebe Anwohner) und "Riverdance" am Beyenburger Stausee veranstalten. Und ich werde die Gespräche mit Marcus Grebe vom LCB erneut aufnehmen, damit das Bob-Dylan-Konzert auf der Waldbühne endlich unter Dach und Fach kommt! Und die nächste Edward-Hopper-Ausstellung in Europa schnappen wir dem Kölner Museum Ludwig mal lecker vor der Nase weg. Aber lassen Sie mich nicht nur von hochkarätigen Publikumsmagneten reden, wir selbst müssen noch deutlicher erkennen, dass sich lohnt, im Tal Kultur zu erleben und somit zu unterstützen. Sonst wandern die Künstler nach und nach ab und enden eventuell als Rentner in Leipzig. Es gibt ein tolles Angebot bei uns, Theaterproduktionen und Musik ohne Ende. Nach Düsseldorf fahre ich persönlich nur, wenn ich zu Ikea muss. Danach würde ich jeden in den umliegenden Büros bitten, gefälligst einen Stuhl fürs Opernhaus zu kaufen (falls er/sie das noch nicht getan hat) - und was dann die verbleibenden 99Tage bringen, wird sich zeigen. Bleibt angesichts der vielen Arbeit überhaupt noch Zeit für eigene Projekte? Gutzeit: Natürlich werde ich nicht aufhören, Platten zu machen. Musicals werde ich vielleicht auch noch ein paar schreiben - ich habe schon Angebote von anderen Städten auf dem Tisch liegen. Außerdem hat meine Omma immer gesagt: "Jung, guck, datte wat Vernünftiges machs!" Verstehen Sie sich mit dem Oberbürgermeister und dem Stadtkämmerer? Wie wollen Sie verhindern, dass der Rotstift die Kulturlandschaft regiert? Gutzeit: Natürlich verstehe ich mich mit Herrn Jung. Wir sind beide Eisenbahnfans; und er ist nach wie vor sieben Köpfe größer. Wer der Kämmerer ist, weiß ich leider nicht. Das mag aber auch daran liegen, dass ich mein Haar momentan extrem kurz trage. Das mit dem Rotstift ist ganz einfach: Ich werde diverse Herren einfach mal aus ihren drögen Büros schleifen und ihnen das bunte Kulturangebot im Tal live und in Farbe vor Augen führen. Ohne Krawatte, versteht sich! Je direkter man sich ein Bild von unserer Kulturlandschaft machen kann, desto schwieriger sollte das mit dem Rotstift werden. Wo hat Sie die Nachricht erreicht, dass Sie neuer Kulturdezernent in Wuppertal werden? Gutzeit: Ich war just auf dem Weg zu Herrn Runge, um mit ihm meine aktuelle Fassung von "WSV - Das Musical" zu diskutieren. Herr Gutzeit, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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