Wuppertals (Nacht)-Kultur im Wandel

Wuppertals (Nacht)-Kultur im Wandel

Wuppertals Nachtkultur hat sich verändert. Raves an den ungewöhnlichsten Orten, Kunst im Freibad und ein zur Utopie umgebauter Bahnhof bieten mehr Vielfalt denn je. Eine Suche nach dem Ausgangspunkt.

Wuppertal. Samstag, 3. August 2013: Hunderte junge Wuppertaler treffen sich im Wald neben dem Kiesbergtunnel, elektronische Musik schallt durch die mit alten Lampen und Discokugeln spärlich beleuchtete Naturkulisse — bis die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumwipfel dringen. Freitag, 9. August 2013: Hunderte junge Wuppertaler treffen sich an einem im Internet verabredeten Ort, ziehen gemeinsam zum bunt beleuchteten Vorwerk-Turm. Von der Aussichtsplattform ergibt sich ein Bild von einer tanzenden, brodelnden Masse, die extatisch zuckt. Samstag, 7. September 2013: Hunderte junge Wuppertaler belagern den Tunnel Dorp, elektronische Musik schallt zwischen den Tunnelwänden hin und her, Generatoren sorgen für Strom, buntes Licht flackert, die Menschen tanzen — bis es außerhalb des Tunnels schon lange wieder hell ist.

Die Liste ließe sich fast beliebig ergänzen. Die geheimen Treffen von Elektro-Fans in diesem Sommer stehen dabei nur exemplarisch für den Wandel Wuppertals. die Shakespeare-Live-Akademie, das Projekt Utopiastadt im Mirker Bahnhof oder Events im Freibad Mirke: Wuppertals Party-, Kultur- und Kleinkunstszene ist seit langem im Umbruch. Viele Trends oder Jugendphänomene kommen und gehen, hinterlassen kaum Spuren, sind nicht greifbar. Was jedoch seit einigen Jahren in Wuppertal passiert, ist greifbar, ist in weiten Teilen sogar hausgemacht: Vor fünf Jahren hatte die Bergische Uni etwa 13.000 Studenten, heute sind es fast 17.000.

Hinzu kommt, dass sie früher als klassische Pendler-Uni galt — wer aus einer anderen Stadt kam, verschwand am Wochenende meist dorthin. Die Frage nach der Henne und dem Ei ist müßig: Bleiben die Studenten heute eher in Wuppertal, weil das Angebot breiter ist? Oder haben sie das breitere Angebot geschaffen, weil sie hier geblieben sind? Fest steht: Die Bergische Uni ist keine klassische Pendler-Uni mehr, Wuppertals Ruf bei jungen Menschen hat sich über die Stadtgrenzen hinaus verbessert.

Das belegt auch der Blick auf die Partyszene: Waren die ersten Tunnel-Partys auf der im Bau befindlichen Nordbahntrasse noch von Kölnern — und, heute klingt es fast rührselig, über Studi-VZ — organisiert, entspringt die aktuelle Avantgarde der Tanz- und Kulturszene der Stadt selbst, die Organisatoren leben in Wuppertal, kennen und lieben die Stadt.
Wie Christian Hampe vom Kultur- und Künstlernetzwerk Utopiastadt: „Irgendwie haben wir zurzeit eine sehr glückliche Konstellation von Leuten in der Stadt. Dadurch hat sich viel verändert: Früher galt die Stadt als schmutzig, heute gehen viel mehr Leute durch Wuppertal und sagen, das ist eine ,geile Stadt’“.

Utopiastadt ist der neue Name des alten Mirker Bahnhofs an der Nordbahntrasse. Nach jahrelangem Leerstand haben Künstler- und Kulturschaffende den Bahnhof gemietet und renoviert. Entstanden ist dort ein Coworking-Space, das Café Hutmacher inklusive Reparaturcafé, das Magazin Utopia — kurz: ein Raum für Kreativität und Kunst, die sich nicht unbedingt in den festgefahrenen Spurrillen bewegt. Utopiastadt ist nur ein Beispiel von vielen: Nur wenige Meter entfernt liegt die Hebebühne. Eine alte Tankstelle, die nun, umgebaut, als Kunstraum dient.

Wuppertal hat also mehr Studenten und eine „glücklich Konstellation von Leuten“. Hinzu kommt die notorisch klamme Stadtkasse. So traurig die Schließung des Schauspielhauses, die bundesweit als Symbol für den Niedergang der staatlich geförderten Kultur gesehen wurde, und diverse Etatkürzungen im kulturellen Bereich sind: „Wo die Kultur nicht mehr von oben kommt, schaffen die Menschen sie von unten“, sagt Hampe.

160 Jahre existierte das Freibad Mirke, bevor die Stadtverwaltung es im Jahr 2011 aufgab. Seitdem sind die Becken leer. Doch auch hier holt die Kultur sich ihre Räume zurück: Ob Party, Tanzperformance oder ein gemeinschaftlich gepflegter Gemüsegarten — was die Stadt aus finanziellen Gründen vernachlässigt, füllen Bürger mit Leben.

Dieses Phänomen zieht sich durch alle Stadtteile, ist nicht auf den Bezirk Mirke begrenzt. Die schon legendären Partys des „Sommerlochs“ fanden in leerstehenden Fabrikhallen am Arrenberg statt. Das Luisenviertel — Wuppertals Ausgehviertel Nummer eins — ist lebendig wie selten zuvor. Die schon seit langem als vielfältige bekannte Clubszene bietet im U-Club am Rande zu Sonnborn weiter internationale Reggae-Highlights, und Sven Väth besucht das Butan in Heckinghausen als einen der wenigen Clubs in Deutschland regelmäßig. Und die Nordbahntrasse verbindet schon jetzt Quartiere, die vorher völlig autark waren — im schlechtesten Sinne des Wortes.

Ob es an der Studentenzahl liegt, einfach Glück ist oder die Quasi-Pleite der Stadt verantwortlich ist: Wuppertal befindet sich im Wandel. An allen Ecken und Enden der Stadt entsteht Kultur und Nachtkultur. Stadtteile entwickeln und verbinden sich. In einem Ausmaß, wie es in dieser Stadt noch nie der Fall war. Die Fertigstellung der Nordbahntrasse und der Ausbau des Hauptbahnhofs — als wichtiger erster Eindruck für neue Gäste und auch Studenten in der Stadt — werden diese Entwicklung weiter forcieren. Und damit wird der Trend zum nachhaltigen Phänomen, das die Stadt verändert.