Wuppertaler Kultur: Wuppertaler wird in Frankreich geehrt

Wuppertaler Kultur: Wuppertaler wird in Frankreich geehrt

Der Germanist Dirk Krüger hat die von Nazis ermordete jüdische Autorin Ruth Rewald entdeckt. Das wirkt sich bis in ihr französisches Exil aus.

Wuppertal. „Mein liebes Papachen, Mama ist weg. Ich bin bei meiner Lehrerin. Ich weine nach meiner Mama. Ich habe eine schöne Puppe, die schlafen kann. (. . .) Ich umarme dich ganz fest.“ Das schreibt die fünfjährige Anja im Oktober 1942 aus Les Rosiers an der Loire an ihren Vater Hans Schaul, der in einem deutschen Lager interniert ist.

Ihre Mutter Ruth Rewald, eine deutsch-jüdische Kinder- und Jugendbuchautorin, ist drei Monate zuvor aus dem beschaulichen Dörfchen, wohin sie vor den Nazis 1940 geflohen war, deportiert und in Auschwitz ermordet worden. Anja wird am 25. Januar 1944 aus der Schule abgeholt und ebenfalls nach Auschwitz transportiert, wo sie ermordet wird.

Dass man heute überhaupt etwas von Ruth Rewald, ihrer Tochter und ihren Büchern weiß, ist dem Wuppertaler Germanisten Dirk Krüger (heute 75) zu verdanken. Mit geradezu kriminalistischem Spürsinn fand er während seiner Doktorarbeit in den 80er Jahren in einer Fußnote im siebenbändigen Werk „Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933-1945“ den ersten kleinen Hinweis auf die Autorin.

Krüger konnte Rewalds Nachlass später im Zentralen Staatsarchiv der DDR einsehen. Die Nazis wollten eigentlich die Erinnerung an ihre Opfer auslöschen. Aber weil sie viele Dinge bürokratisch hochkorrekt erledigten, durchkreuzten sie ihre eigenen Absichten. So landeten Manuskripte und Briefe erst im Reichssicherheitshauptamt in Berlin, dann mit der Roten Armee in Moskau und 1960 in der DDR.

Der Germanist sorgte dann dafür, dass Rewalds bis dahin unveröffentlichte Geschichte aus dem spanischen Bürgerkrieg „Vier spanische Jungen“ als Buch erscheinen konnte. Die Ergebnisse seiner Doktorarbeit lösten in der Fachwelt für einige Zeit enormes Interesse aus, das erstaunlicherweise jetzt wieder aufflammt. Krüger bekommt wissenschaftliche Anfragen aus Israel, Österreich und der Schweiz.

Am bewegendsten aber sind für Krüger die Begegnungen mit Menschen in Les Rosiers, der Exil-Zuflucht von Ruth Rewald zwischen Saumur und Angers. Er hatte schon früher einen detaillierten, sehr anrührenden Brief von Anjas Lehrerin Renée Le Moine bekommen.

Jetzt hat das Schicksal der jungen Frau und ihrer kleinen Tochter, die so gern in der Loire badete, weitere Kreise in der Stadt erfasst.

Der Kulturdezernent sowie Schüler und Lehrer des Collège Paul Eluard haben aktuell eine Ausstellung über Ruth Rewald organisiert. Dafür hat Dirk Krüger zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt hat, unter anderem die 42 Postkarten, die sie an ihren internierten Mann über das Leben im Ort geschrieben hat. Dazu gehören auch die Originale der Deportationslisten von Ruth und Anja, die Beate und Serge Klarsfeld dem Forscher überlassen haben, sowie Fotos aus ihrer Jugend und der Pariser Zeit, die Krüger von ihrem Mann bekommen hat, der 1988 in der DDR gestorben ist.

Der Wuppertaler reiste jetzt zur Eröffnung der Ausstellung an die Loire, wo ihm Bürgermeister Denis Sauleau vor dem Haus, in dem Ruth Rewald gelebt hatte, die Ehrenmedaille der Stadt verlieh. Hier wurde vor wenigen Tagen auch eine Erinnerungstafel angebracht.

„Zur Eröffnung der Ausstellung sind mehrere Menschen gekommen, die 1944 dabei waren, als die Nazis die weinende Anja aus dem Unterricht geholt haben“, sagt Dirk Krüger. Viele hätten ihn umarmt und seien froh, dass endlich alles auf den Tisch komme. Mittlerweile ist auch der Fernsehsender Arte dort gewesen und hat Schüler und Lehrer zu dem Projekt befragt.

Auch Wissenschaftler reagieren mit erhöhtem Interesse. So will die Gesellschaft für Exilforschung in Marburg laut Krüger etwas von ihm veröffentlichen, außerdem gebe es Anfragen mehrere überregionaler Zeitungen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung