Wuppertaler Weltraumteleskop Crista fliegt 1994 in das All

Serie „90 Wuppertaler Jahre“ : Als Wuppertal ins Weltall flog

Die Geschichte der Stadt ist voll von Superstars der Wissenschaft. Friedrich Bayer, Gerhard Domagk, Ferdinand Sauerbruch sind vermutlich die bekanntesten. Aber wer kennt Crista? Dabei hat sie für Wuppertal den Orbit erobert.

Der Klimawandel hat eine Geschichte. In den Kapiteln kommen Begriffe wie Waldsterben, saurer Regen und Fluorchlorkohlenwasserstoffe vor. Lange Jahre bevor Politiker wie Donald Trump geleugnet haben, dass es auf der Erde im Durchschnitt zu warm wird und sich dadurch das Klima folgenreich verändert, haben sich Wissenschaftler bereits mit dem Phänomen befasst, was der Mensch dem Globus antut. Darunter waren auch Forscher der damaligen Bergischen Gesamthochschule Wuppertal. Für ihren Erkenntnisgewinn in der Grundlagenforschung haben sie sogar eine Mitarbeiterin ins Weltall geschickt. Das geschah am 3. November 1994. An diesem Tag flog Crista, eingepackt in den wiederverwertbaren deutschen Forschungssatelliten Astro-Spas, für Wuppertal in den Orbit, umkreiste tagelang in 300 Kilometern Höhe die Erde, maß, sammelte Daten über Daten, um neun Tage später inklusive Satellit vom Nasa-Shuttle Atlantis wieder eingefangen und zur Erde zurückgebracht zu werden. Nun ist Crista freilich keine Kollegin der Wissenschaftler vom Grifflenberg. Sie ist nicht einmal von Fleisch und Blut. Dafür hat sie als Weltraumteleskop vermutlich bessere Daten geliefert, als je ein Mensch das gekonnt hätte.

Crista war in Wuppertal entwickelt worden, um die Veränderung in der Atmosphäre um die Erde untersuchen zu helfen. Es ging darum, dass die Hülle, die Leben auf dem Planeten möglich macht, an einigen Stellen immer dünner wurde. Die Frage war, warum? Die Antwort lautete: Weil der Mensch macht, was der Mensch macht. Er breitet sich aus, er hechelt stetem Wachstum nach, und dabei nimmt er nicht immer genügend Rücksicht auf Natur und Umwelt. So ist das, seit mit der Erfindung der Dampfmaschine die Industrialisierung begonnen hat. Und Crista lieferte dafür unumstößliche Belege. Der sogenannte Infrarot-Spektrometer war in der Lage, in der Atmosphäre 14 Spurengase zu identifizieren, die beweisen, dass der Mensch die Atmosphäre verändert, unter anderem eben durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), durch Stickoxide, durch Ozon.

Damit das gelang, hatte zuvor eine rund 30-köpfige Mannschaft um Prof. Dirk Offermann Crista entwickelt. Das Weltraum-Teleskop sollte eine große Karriere vor sich haben. Denn der ersten Mission im All folgte im Sommer 1997 eine weitere. Am 7. August nahm das Space Shuttle Discovery wieder vom Kennedy Space Center in Florida aus das Wuppertaler Messgerät mit ins All und wieder umkreiste es in 300 Kilometern Höhe den Erdball. Doch Crista tat das mit dem Unterschied, dass durch ständige Rotation eine viel größere Fläche der Atmosphäre untersucht werden konnte.

Dass diese Mission abermals ein wissenschaftlich weltweit beachteter Erfolg geworden ist, hat den Ruf der Forscher vom Grifflenberg ebenso gemehrt wie den Ruf der gesamten Hochschule. Denn die konnte im Jahr 1997 noch nicht auf eine sehr lange Tradition zurückblicken. Ihre Gründung am 1. August 1972 hat viel mit einem Mann zu tun, dessen politische Karriere als Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal begann und als Präsident der Bundesrepublik Deutschland endete. Als der Grundstein zur Gesamthochschule gelegt wurde, die heute eine Universität ist, war Johannes Rau Minister für Forschung und Wissenschaft des Landes NRW. Aber das war nicht der eigentliche Grund dafür, dass Wuppertal Uni-Standort wurde. In den 1960er Jahren bescheinigte eine internationale Studie Deutschland als Bildungsstandort die Note „Mangelhaft“. Das war der Beginn eines Umdenkens in der Politik des Staates und der Bundesländer. Es war vor allem in Nordrhein-Westfalen der Beginn einer beispiellosen Bildungsoffensive. Und es war der Beginn des stetigen Aufstiegs eines Hochschulstandortes. Die Universität Wuppertal zählt heute mehr als 22 000 Studierende, die Tendenz ist steigend. Wuppertal hat sich zu einer Studentenstadt gemausert. Wie positiv die Uni am Grifflenberg mit ihren Außenstellen im Tal und ihren Instituten im gesamten Bergischen Land heute wahrgenommen wird, zeigt auch die Tatsache, dass Lambert T. Koch gerade erst bereits zum vierten Male der Titel „Hochschulrektor des Jahres“ verliehen worden ist.

Crista hingegen ist längst emeritiert. Sie hat mit Kosten von 26 Millionen Euro dazu beigetragen, dass Waldsterben, FCKW, Ozonloch, Stickoxide und Umwelt Themen des politischen Alltags geworden sind. Für die wenigen, aber an Einfluss reichen Leugner des Klimawandels kann eine der berühmtesten Mitarbeiterinnen der Uni Wuppertals nichts. Doch es ist ziemlich sicher, dass sie sich in ihrem Altersruhesitz im Deutschen Museum in München über soviel Ignoranz ärgert.

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