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Wuppertaler Unternehmen erschließen während der Pandemie neue Märkte

Wirtschaft : Unternehmen erschließen neue Märkte

In der Coronakrise konnten einige Betriebe durch schnelles Handeln neue Produkte anfertigen und so sogar zum Teil von der Pandemie profitieren.

Bereitstellen von Desinfektionsmitteln, Anbringen von Schutzwänden, das Erbringen von Gäste-Dokumentationen und zur Verfügung stellen von Außenflächen: Unternehmer hatten sich auf die Corona-Auflagen eingestellt, diese umgesetzt und zusätzliche Investitionen getätigt. Seit Montag herrscht ein zweiter Teil-Lockdown und ist damit ein weiterer Schlag für etliche Branchen.

„Über sämtliche Wirtschaftsbereiche und Größenklassen hinweg brachen die Lage- und Erwartungssalden im ersten Halbjahr 2020 ein“, heißt es im Regionalen Konjunkturbarometer, das quartalsweise vom Wuppertaler Institut für Unternehmensforschung und Organisationspsychologie an der Bergischen Uni erhoben wird. Mit Ausnahme des Baugewerbes befanden sich demnach alle Sektoren in einer Rezession. Zur Baubranche machte Junior-Professor Markus Doumet darauf aufmerksam, dass hier differenziert werden müsste. Denn während zum Beispiel im Gewerbebau ein Rückgang bestehe, gab es im privaten Wohnungsbau keinen Nachfrageeinbruch.

Digitalisierung schreitet in
vielen Bereichen voran

Es gibt aber auch Profiteure. „Lediglich Hersteller von Medizintechnik, Garten- und Landschaftsbauer, der Lebensmitteleinzelhandel sowie Teile der Digitalwirtschaft konnten in diesem Zeitraum Umsatzsteigerungen melden“, heißt es im Regionalen Konjunkturbarometer des Wuppertaler Instituts für Unternehmensforschung und Organisationspsychologie.

Unternehmen in der Informations- und Kommunikationstechnologie erfuhren einen Aufschwung. Ein Beispiel, inwieweit die Digitalisierung vorangetrieben wird, gibt Stadtdirektor Johannes Slawig aus dem Rathaus. Er sprach von „einer sagenhaften Intensivierung“ in puncto Digitalisierungsstrategie insbesondere im Hinblick auf das Projektbüro der Digitalen Modellregion Bergisches Land – mithilfe eines größeren Budgets, auch unterstützt durch Zuschüsse des Landes. Investiert wurde in neue Anwendungen, zum Beispiel in der Videoübertragung. „Telefon- und Videokonferenzen haben sich verzwanzigfacht“, sagte Slawig.

Junior-Prof. Markus Doumet machte zudem darauf aufmerksam, dass Einzelhändler und Gastronomen auf bestehende Online-Plattformen ausgewichen sind, um ihre Waren anzubieten. Ein eigenes Shop- oder Liefersystem einzubinden, wäre mit Zeit und Kosten verbunden, sodass Dienste wie Lieferando und Co. profitieren konnten. Weiterhin als positiv betroffen stufte Prof. Dr. Paul J.J. Welfens von der Bergischen Universität in Wuppertal Hersteller von Hygieneprodukten, Medizingeräten und Pharmazeutischen Produkten ein.

Auch in Wuppertal finden sich Unternehmer, die sich kurzerhand für ein alternatives Geschäftsmodell entschlossen haben – der Nachfrage entsprechend. „Wir sind eigentlich eine Eventagentur“, sagte Niclas Goergen von Trendcard. Coronabedingt sind Messen ausgefallen und dürfen aktuell wie auch andere Veranstaltungen nicht stattfinden. „Dadurch entstand das neue Geschäft“, erklärte er. Unter anderem Atemschutz-, Einweg- und Alltagsmasken sowie Desinfektionsanlagen werden nun angeboten. „Damit halten wir uns gut über Wasser“, sagte er.

Während im Maschinenbauunternehmen KS Systec Dr. Schmidbauer die Umsätze in den Bereichen Luftfahrt sowie Petrol, Gas und Öl rückläufig waren und gar halbierten, konnte ein Umsatzplus durch die Erweiterung in der Medizintechnik erzielt werden – wie bei Blutanalyseautomaten, Baugruppen für Beatmungstechniken und Intensivbetten oder Luftreinigungssystemen. Auch Trennwände, die als Spuckschutz Verwendung finden, wurden hergestellt. „Durch die Blech- und Kunststofffertigung sind wir breit aufgestellt“, sagte Geschäftsführer Tobias Schmidbauer.

Thekenaufsätze, Verkaufsdisplays und Trennwände finden sich auch im Betriebsangebot von Alexander Grünke, Inhaber von A+S Grünke Kunststoffe. Im März sei eine hohe Nachfrage feststellbar gewesen. Normalerweise seien der Oktober und November die umsatzstärksten Monate, um etwa Verkaufsflächen für Süßwaren auf dem Weihnachtsmarkt anzubieten. „Unsere Kunden haben jetzt geschlossen. Das trifft uns auch“, zeichnete er ein tristes Unternehmensbild.

Betriebe blicken mit
Ungewissheit in die Zukunft

Die Baubranche und das Handwerk seien von Corona relativ unberührt geblieben, wie das Konjunkturbarometer zeigte und für das Handwerk von Arnd Krüger, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal, bestätigt wurde. Dort herrsche eine wunderbare Konjunktur. Das Zurückziehen in die Privatsphäre führe dazu, dass Menschen nicht in den Urlaub fahren, sondern stattdessen das Geld in das eigene Heim investieren. Persönlich trifft es Krüger aber schon, wie Nachrichten über steigende Zahlen mit Inzidenzwerten in Wuppertal von über 200. „Natürlich denkt man darüber nach, welchen Einfluss es auf Mitarbeiter und Familie hat“, sagte er.

Die Coronapandemie bleibt eine Herausforderung, wenn nicht in betrieblicher, so doch in persönlicher Hinsicht. Psychologisch wichtig sei es laut Wirtschaftswissenschaftler Welfens, somit Updates zu weiteren Vorgängen, wie der Impfplanung, zu liefern.

Auch das Krisen-Ausmaß bleibt weiterhin unklar, da die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen ausgesetzt wurde. „Daten dazu liegen uns Forschern noch gar nicht vor“, sagte Doumet. „Es wird eine Verschiebung von Wohlstand in der Gesellschaft geben“, gab er zu bedenken.