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Wuppertaler Türme sprechen doch wieder

Kultur : „Die Türme“ sprechen doch wieder

Neuauftakt nach coronabedingter Pause war erfolgreich.

Lange Zeit sah es so aus, als ob „Die Türme 2020“ nicht stattfinden könnten. Im Mai mussten Olaf Reitz und Andy Dino Iussa ihre Literaturperformance wegen Corona ausfallen lassen. Es war die erste Absage seit 2011 – dem Geburtsjahr der Reihe, bei der Schauspieler Reitz mit Wuppertaler Kirchtürmen in einen Dialog tritt.

Unter dem trotzigen Motto „Und sie sprechen doch“ organisierte das „Türme“-Team dann aber doch zwei Aufführungen für August. Wie gewohnt ging es dabei ökumenisch zu. Den Anfang machte am Freitagabend die Evangelische Citykirche Elberfeld, am Samstag folgte die katholische Herz Jesu-Gemeinde in Unterbarmen.

Mochte es an den lauen Temperaturen oder der Dankbarkeit der Fans liegen – die Sitzplätze vor der Citykirche waren schnell vergeben. Zu den rund 50 Zuschauern, die sich in eine Anwesenheitsliste eintrugen, kamen die Zaungäste. Jugendliche setzten sich auf die Kirchentreppe, um dem Gespräch zwischen Reitz und dem Turm – Schauspielerin Caroline Keufen lieh ihm ihre Stimme – zu lauschen. „Was ist das hier?“, fragte eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz, die vorsichtig näher kam.

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, da jede „Türme“-Aufführung für sich steht und unwiederholbar ist. In jedem Fall ist Autor Iussa dem Prinzip treu geblieben, Texte unterschiedlichster Herkunft zusammenzustellen. So geschickt, dass die Kompilation wie aus einem Guss wirkt und ein lebendig-unterhaltsames Zwiegespräch ermöglicht. Auf der Literaturliste für Freitagabend standen an die 30 Schriftsteller – unter anderem die modernen Klassiker Kafka und Brecht, aber auch junge Erfolgsdramatikern wie Thomas Köck und Philipp Löhle.

Reitz blieb über 40 Minuten
stets bei der Sache

Ihre Worte bildeten entsprechend dem Oberthema der „Türme 2020“ „Pfahlbauten für morgen“ und sprachen von den großen Herausforderungen: Klimakrise, Künstlichen Intelligenz und – unvermeidlich – Corona. Ehe sich Reitz mit dem Turm austauschte, sprach er sein Publikum an: „Endlich, endlich – was haben wir auf euch gewartet.“

Nach der Post-Lockdown-Hochstimmung („Man hat zusammengehalten!“) verdüsterte sich das Bild allerdings. Reitz gab sich als einer zu erkennen, „der die totale Sinnkrise hat“. Doch da war ja der Turm – besser geerdet, als ein Mensch es je sein könnte –, der seinem Gesprächspartner Mut machen konnte: „Wir sind wir, wir sind zu zweit.“ Dieses Zusammensein sei ja schon ein Wunder, sinnierte Reitz – und die Gäste, an die er sich wandte und die wohl das Gebot des „Social Distancing“ im Kopf hatten, stimmten ihm zu.

Auch wenn Reitz sich auf Mikro und Lautsprecher verlassen konnte – es war beeindruckend, wie er auf dem öffentlichen Platz bei der Sache blieb und den 40-Minuten-Dialog zu einem guten Ende brachte. Respekt auch für Schlagzeuger Mickey Neher, der sich zwischen Reitz und dem Turm postiert hatte. Unterstützt von elektronischen Sounds, wechselte er zwischen frei-fließendem Spiel und rockenden Beats. Die Stimmungs- und Themenwechsel der beiden Sprecher spiegelten sich so in den Zwischenmusiken wider.