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Wuppertaler Stadtbäume sind Kämpfer und Netzwerker

Blick auf die grüne Stadt : Wuppertaler Stadtbäume sind Kämpfer und Netzwerker

Grüne Giganten zwischen Asphaltlandschaften zu pflanzen ist eine Herausforderung – die WZ ließ sich die Kunst erklären.

Entlang der Straße Schwarzbach kann man Ausbrecher bei der Arbeit sehen. Mit aller Kraft versuchen Robinien, zwischen den parkenden Autos dem engen Korsett zu entkommen, das die Stadtplaner ihnen in den 1980er Jahren geschnürt haben. Ihre Kraft zeigt sich in den Rissen im Asphalt, der von den Bäumen überall angehoben wird. An einigen Stellen haben die Wurzeln nach einem jahrelangen Kraftakt den Durchbruch geschafft. Sie suchen Wasser in einer versiegelten Asphaltwüste. Die Kronen der Robinien erstrecken sich teils über eine Länge von zwei parkenden Autos. Man sagt, dass die Wurzeln im Erdreich das Ausmaß der Äste spiegeln. Doch die Giganten stecken quasi in vergrößerten Blumentöpfen.

„Ein Experte hat einmal gesagt: Wenn die Straßenbäume könnten, würden sie fliehen.“ Das sagt Barbara Bastian, Teamleiterin der städtischen Baumkontrolle und Straßenbaumpflege. Sie versucht mit ihren Mitarbeitern das Leben der Bäume am Straßenrand zu verbessern. Ein Umdenken hat stattgefunden. Die Robinien zum Beispiel werden nach und nach aus dem Stadtbild verschwinden. Noch gibt es in Wuppertal rund 300 Stück, nicht nur an der Straße Schwarzbach, auch an der angrenzenden Berliner Straße, am Werth in Elberfeld und auf dem Barmer Rathausplatz. Seit Jahrzehnten galten sie als geeigneter Straßenbaum. Doch Bastian sagt: „Wir mussten jetzt feststellen, dass sie nicht im Straßenraum zurechtkommen.“

Die Stadt habe immer wieder Pilzbefall festgestellt. Derzeit prüfen Gutachter die Standsicherheit der Robinien im gesamten Stadtgebiet. Sie werden nämlich zur Gefahr. Äußerlich sehen sie teilweise noch vital aus, so Bastian, aber innerlich seien sie schon verfault. Doch die Riesen am Straßenrand dürfen auf keinen Fall umstürzen, Menschenleben wären gefährdet, die Stadt in der Haftung.

In Oberbarmen zeugen bereits diverse Baumstümpfe von dem Wandel. Weil der Schwarzbach im Juli über die Ufer getreten ist, wurden viele der sowieso schon angeschlagenen Robinien an der Straße Schwarzbach unterspült und mussten gefällt werden. So wurde ein unausweichlicher Prozess noch beschleunigt.

Schon seit Jahren pflanzt die Stadt nach. Wie sich die Philosophie im Laufe der Zeit gewandelt hat, lässt sich an den unterschiedlichen Bäumen an der langen Allee in Oberbarmen gut zeigen. Die 1980er-Jahre-Bäume sind in kleine Steinquadrate gezwängt. Vor zehn bis 15 Jahren pflanzte die Stadt weitere Robinien nach, allerdings ohne Korsett, mit mehr unversiegelter Fläche. Die neueren Bäume - eine andere Robinienart - wachsen in Säulenform nach oben, während die Nachbarn ihre Äste teils bis an die Häuserfassaden ausstrecken, als wollten sie jeden Moment an die Fenster klopfen.

Inzwischen sei die Erkenntnis verbreitet, so Bastian, dass die Robinien gar nicht mehr gepflanzt werden sollten. Nachgepflanzt wird daher der Ginkgo aus China. Er ist besonders resistent gegen Krankheitserreger wie Pilze oder Bakterien. Er verträgt auch den Bergischen Frost gut. Bastian erklärt: „Köln oder Düsseldorf können noch ganz andere Bäume pflanzen als wir.“ Wuppertals raue Winter verlangen Bäume, die auch kühles Klima überstehen. Gut ist etwa, wenn sie aus Bergregionen stammen.

Durch die Korrekturen in der Baumplanung ergibt sich heute ein uneinheitliches Bild an der Straße Schwarzbach. Das sei nur eine „Zwischenlösung“, sagt Bastian. „Wir wollen eigentlich an einer Straße oder auf einem Platz in einem Baumprinzip bleiben.“ Doch bis alle Robinien Ginkgos gewichen sind, werden wohl noch viele Jahre vergehen. Das habe eben auch wirtschaftliche Gründe. Eine neue Baumscheibe kostet 4500 Euro.

Auch auf der Berliner Straße endet die Ära der Robinien. Hier pflanzt die Stadt am Straßenrand japanische Schnurbäume nach. Auch ein sogenannter „Klimabaum“. Also ein Gewächs, dem man zutraut, den Herausforderungen des Klimawandels zu trotzen. Erkenntnisstand heute. Bastian macht deutlich: „Was wir hier machen, ist Try and Error.“ Also Versuch und Fehlschlag. Die Forschung in Sachen Straßenbäume sei nicht abgeschlossen.

Auf Höhe des Berliner Platzes halten Linden auf einem schmalen Grünstreifen die Stellung. „Wir dachten eine Zeit lang, dass es die Linde auch nicht mehr schafft“, sagt Bastian. Doch sie habe sich als Kämpfer erwiesen. Die Baumreihe auf dem Grünstreifen demonstriert anschaulich: Bäume halten zusammen, helfen sich gegenseitig. Bastian erklärt: „Die Bäume kommunizieren miteinander. Wenn es einem nicht gut geht, schicken die anderen Botenstoffe aus und versorgen ihn.“ Dieser unsichtbare Austausch der Bäume funktioniere auch destruktiv. So vertragen sich zum Beispiel Buchen und Eichen nicht. Es soll sogar Fälle geben, wo die eine Baumart die andere am Wachstum hindert - ein Konkurrenzkampf.

Doch mehr zu schaffen machen den Bäumen an der Straße die äußeren Einflüsse wie Abgase oder Streusalz. Am Schlimmsten ist jedoch die Trockenheit der vergangenen Jahre und die damit verbundenen Krankheiten. Dominic Karl von der städtischen Straßenbaumpflege blickt zurück: „Wir mussten viele Birken und Buchen fällen.“ Wahrscheinlich werde man sich im Laufe der kommenden Jahre auch von der Kastanie verabschieden müssen, sagt Bastian - im Wissen, dass das viele Bürger schwer treffen wird. Die Miniermotte mache den Kastanien zu schaffen, die jetzt noch  beispielsweise die Straße Zur Waldesruh im Zooviertel oder die Virchowstraße in Barmen säumen.

Welche Bäume lösen die alten Arten ab? Am Jung-Stilling-Weg am Grifflenberg ist die Zeit der ungarischen Eiche angebrochen. Die Japanische Zelkove ziert den neuen Döppersberg. Blühende Bäume setzt die Stadt gerne ein, um Stadtplätze zu betonen. Etwa Felsenbirnen auf dem Otto-Böhne-Platz in Elberfeld. Das Problem: Einige der sogenannten Klimabäume sind zu beliebt. „Der Markt ist leergefegt“, sagt Barbara Bastian. Man merkt: Alle Städte haben das gleiche Problem. Das Klima ist rauer geworden für die Bäume vom alten Schlag.

Das Grundwasser ist gesunken. Karl weiß: „Junge Birken haben sich daran angepasst.“ Aber für die 100 bis 150 Jahre alten Exemplaren ist es zu spät. Ihre Wurzeln reichen nicht tief genug. Bäume, die zum Ende des 19. Jahrhunderts angefangen haben zu wachsen, haben viel erlebt. Manche Experten sagen sogar, Bäume haben ein Gedächtnis. Niemand weiß, ob sich Bäume wundern können. Aber wenn sie das könnten, wären sie sicherlich erstaunt darüber, wie anders ihre Lebensumstände doch geworden sind.