Interview „Einen Shitstorm kann man nicht aufhalten“

Wuppertal · Interview Lars Niggemann schützt Firmen vor digitalen Empörungslawinen und gezielten Angriffen aus dem Darknet.

 Die Sozialen Medien multiplizieren den Prozess eines Shitstorms, sagt Lars Niggemann.

Die Sozialen Medien multiplizieren den Prozess eines Shitstorms, sagt Lars Niggemann.

Foto: dpa/Yui Mok

Herr Niggemann, wie definieren Sie eigentlich einen Shitstorm?

Lars Niggemann: Man spricht häufig bei einem Shitstorm von einer Empörungswelle. Ich persönlich würde eher von einer Empörungslawine sprechen. Denn bei einem Shitstorm gibt es einen ansteckenden Effekt. Wer sich empört, der trägt das gerne weiter.

Haben die Sozialen Medien diesen Lawinen-Effekt erst möglich gemacht?

Niggemann: Das Grundbedürfnis sich zu empören hat es immer schon gegeben. Aber die Sozialen Medien multiplizieren diesen Prozess. Auch weil Empörung dort Aufmerksamkeit erzeugt und die ist in den Sozialen Medien so etwas wie eine Währung.

Sie beraten Unternehmen und Privatpersonen. Was kann ich denn tun, wenn ein Shitstorm über mich hereinbricht?

Niggemann: Dann ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Mein Unternehmen heißt bewusst Prevency, weil wir präventiv arbeiten. Es geht darum, einen Shitstorm oder auch ein negatives Grundrauschen gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Wie macht man das?

Niggemann: Mit einer Risikoanalyse. Wir können den aktuellen Fall Adidas und ausgesetzte Mietzahlungen nehmen. Anscheinend hat sich da niemand gefragt: Wie kommunizieren wir so eine Entscheidung? Und welches Echo rufen wir hervor? Der Schaden ist immens. Ich würde sagen, vielleicht ist er sogar höher als die Ersparnisse aus den ausgesetzten Mieten.

Hätte es vor Facebook keinen Sturm der Entrüstung gegeben?

Niggemann: Nicht in dieser Form. Heute ruft so eine Entscheidung sofort ein Echo hervor. Und dieses hat wiederum einen direkten Einfluss auf die Wahrnehmung und die Reputation eines Unternehmens. Das ist ja ein Wirtschaftsgut. Da wird schnell mal gesagt: Social Media – das sind die Marketing-Jungs. Nein, das ist Unternehmenskommunikation. Ein Shitstorm kann ja zu Boykott-Aufrufen führen und damit einen relevanten Einfluss auf die Umsätze des Unternehmens haben.

Wie lässt sich der Schaden reduzieren, wenn der Shit­storm einmal da ist?

Niggemann: Es gibt da verschiedene Meinungen. Ich sage, dass man einen Shitstorm nicht aufhalten kann. Man kann ihn aber managen und bestmöglich damit umgehen. Wer sich gar nicht äußert, liefert noch mehr Spielraum für Gerüchte.

Gibt es eigentlich auch Unternehmen, die absichtlich einen Shitstorm auslösen, weil sie sich Aufmerksamkeit versprechen?

Niggemann: Ja, klar. Das kann mittlerweile auch eine digitale Marketingmaßnahme sein, wenn es darum geht, als Unternehmen bekannt zu werden. Ein Beispiel ist die Smoothie-Marke „True Fruits“. Die haben Werbung gemacht, die man als rassistisch auslegen kann. Ich mag das nicht beurteilen. Wichtig ist nur, dass man die Kampagne so verstehen könnte. Da hieß es beispielsweise: „Noch mehr Flaschen aus dem Ausland“ oder „Unser Quotenschwarzer“ mit dem Bild eines schwarzen Smoothies.

Kommt es sogar vor, dass Unternehmen absichtlich Shitstorms bei der Konkurrenz auslösen?

Niggemann: Das ist noch ein sehr junger Bereich. Es gibt Dark-PR-Kampagnen gegen Unternehmen. Da werden zum Beispiel gezielt Falschmeldungen verbreitet. Man kann mittlerweile solche Kampagnen buchen, so wie man auch Hacker-Angriffe im Darknet buchen kann.

Jetzt sprechen wir aber von illegalen Aktionen, oder?

Niggemann: Die Frage ist immer: Was ist im Web illegal? Für mich ist das Internet noch immer de facto ein rechtsfreier Raum. Weil sich die Rechtsstaatlichkeit immer auf den Ort bezieht, wo der Server steht. Es ist bekannt, dass zum Beispiel in Russland viele Firmen sitzen, die gezielt die Verbreitung von Desinformations-Kampagnen anbieten.

Wurden Sie selbst eigentlich schon einmal Opfer eines Shitstorms?

Niggemann (lacht): Nicht, dass ich wüsste.

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