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Wuppertaler Polizei will mehr Bereitschaft zur Zivilcourage

Kriminalität : Wuppertaler Polizei will mehr Bereitschaft zur Zivilcourage

Zeugen von Straftaten zeigen in Wuppertal immer wieder Mut. Das kann auch gefährlich sein.

In der Halloween-Nacht wird ein 24-Jähriger in der Nähe der Nordbahntrasse von mindestens sechs maskierten Tätern zusammengeschlagen. Ein Zeuge hört das Getöse an der August-Mittelsten-Scheid-Straße, schreit die Täter an und läuft auf sie zu. Das reicht, um die Angreifer in die Flucht zu schlagen. Am selben Abend, fast zur selben Zeit, gibt es einen ähnlichen Vorfall etwas weiter östlich auf der Trasse. Dabei schlagen sechs Jugendliche – sehr wahrscheinlich andere Täter – auf einen ebenfalls 24-Jährigen ein. Der junge Mann hat jedoch keinen Schutzengel und wird später mit schweren Verletzungen von Spaziergängern aufgefunden. Gab es in diesem Fall auf der belebten Trasse niemanden, der etwas gesehen oder gehört hat? Man wird es wahrscheinlich nie erfahren. Es gibt nicht nur die stillen Helden, sondern auch die stillen Zeugen.

Zivilcourage heißt nicht gleich, den Täter zu überwältigen

Zivilcourage ist ein Thema, das die Wuppertaler Polizei beschäftigt. Kriminalhauptkommissarin Mechthild Bach sagt: „Es wäre schön, wenn möglichst viele Menschen, die Bereitschaft in sich tragen würden, Hilfe zu leisten.“ Diese Formulierung wählt die Polizistin ganz bewusst, weil für sie Zivilcourage eben nicht gleichzusetzen ist mit einem heroischen Überwältigen eines Täters. Es gehe viel mehr darum, nicht wegzuschauen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu handeln – ohne sich in Gefahr zu bringen.

Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr in Wuppertal 1296 Gewalttaten – Raub, Körperverletzung, Vergewaltigung, Tötungsdelikte. 1200 Tatverdächtige zählte die Polizei im Zusammenhang mit Straßenkriminalität. So weit reicht die Statistik – aber ob Zivilcourage eine Rolle gespielt hat, dazu schweigen die Datensätze.

Was ist zu tun, wenn man plötzlich Zeuge einer Straftat wird? Mechthild Bach empfiehlt: „Das kommt immer auch darauf an, wie ich die Situation überblicke und wie mein Vertrauen in mich selbst ist.“ Der mutige Zeuge am Halloween-Abend hat später bei der Polizei ausgesagt, er sei ja größer gewesen als die maskierten Angreifer. Doch manchmal entscheidet auch nur Glück darüber, ob so ein Szenario als Vorzeigefall oder Tragödie endet. Zeugen sollten sich fragen, so Bach, ob sie als einzelne Person etwas ausrichten können oder ob die Situation vielleicht zu gefährlich ist, weil etwa eine Waffe im Spiel ist.

Eine Menschengruppe schüchtert eher ein als eine Einzelperson

Daher sei es in vielen Fällen ratsam andere anzusprechen und diese aktiv zur Hilfe aufzufordern. Eine Gruppe schüchtert Täter eher ein als ein Einzelner. Manchmal seien Situationen wie beispielsweise ein lautstarker Streit auf offener Straße auch schwer einzuschätzen. „Fragen Sie ruhig einen anderen Menschen: Was glauben Sie, müssen wir etwas tun?“, empfiehlt die Kommissarin. Unbedingt sollten Zeugen schnellstmöglich die Polizei alarmieren.

Doch manchmal ist keine Zeit mehr, um auf Helfer zu warten, weil Sekunden entscheiden. So war das bei Suzan A., die am 22. Dezember 2017 einen herzkranken Wuppertaler reanimierte, der auf dem Döppersberg zusammengebrochen war. Die 16-Jährige hat unmittelbar mit den Erste-Hilfe-Maßnahmen begonnen. Da sie gerade frisch einen entsprechenden Kurs absolviert hatte, wusste sie, was sie tat, berichtet die Polizei. Damit hat sie sich überhaupt erst einmal in die Lage versetzt, im Notfall helfen zu können – und hat im entscheidenden Moment Mut bewiesen. Der Notarzt lobte später die junge Frau. Ohne ihr Einschreiten wäre der Mann wahrscheinlich gestorben.

In anderen Fällen wären die Täter ohne entschiedene Zeugen einfach davongekommen. Am 12. Dezember 2018 wollen zwei Männer einen Kiosk am Ostersbaum in Elberfeld überfallen. Weil der Inhaber die Täter anschreit, türmen diese. Eine 57-jährige Zeugin verfolgt die Kriminellen auf ihrem Fahrrad und gibt der Polizeileitstelle fortlaufend den Aufenthaltsort der Männer durch, bis die Flüchtigen schließlich gefasst werden. Polizei-Sprecher Jan Battenberg lobt die Vorgehensweise auch deshalb, weil die Frau sich nicht in Gefahr gebracht hat: „Die Radlerin blieb auf Abstand und ist von den Tätern bis zum Schluss nicht entdeckt worden.“

Ratschläge und Informationen zum Thema Zivilcourage gibt die Polizei unter:

www.aktion-tu-was.de