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Wuppertaler Ortsbauernschaft: Es ist zwei Minuten vor Zwölf

Landwirtschaft : Ortsbauernschaft: „Es ist zwei Minuten vor Zwölf“

Vorsitzender Martin Dahlmann fordert gesellschaftlichen und politischen Umdenkprozess.

Flächenfraß, Klimawandel und jetzt auch noch Corona. Die Landwirtschaft hat es nach wie vor nicht leicht und mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Angesichts der drängenden Probleme schlagen die Wuppertaler Ortbauernschaften Alarm. Sie fordern einen gesellschaftlichen und politischen Umdenkprozess.

„Es ist zwei Minuten vor Zwölf“, betont der Vorsitzende der Ortsbauernschaft Wuppertal-Ost, Martin Dahlmann. Viele Betriebe stünden mittlerweile wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. „Die Menschen müssen sich fragen, ob sie eine Landwirtschaft in unserem urban geprägten Raum wollen oder eben nicht“, so Dahlmann. Ohne ein stimmiges Konzept müssten künftig viele Lebensmittel aus dem Ausland importiert werden, da die heimischen Erzeuger unter den gegebenen Bedingungen kaum noch finanziellen Spielraum hätten.

Ein großes Problem sei für sie unter anderem der Rückgang von landwirtschaftlichen Flächen durch Bauprojekte auf der grünen Wiese. „Wir haben in den letzten 30 Jahren in Drittel der landwirtschaftlich genutzten Flächen im Stadtgebiet verloren, und wenn es so weitergeht ist in den kommenden Jahrzenten nichts mehr übrig“, sagt Ortslandwirt Carsten Bröcker vom Vohwinkeler Gut zur Linden. Die zunehmende Flächenversiegelung fördere wiederum den Klimawandel, der den Landwirten ebenfalls schwer zu schaffen mache.

„Wir haben jetzt im dritten Jahr in Folge mit massiver Dürre zu kämpfen“, berichtet Martin Dahlmann. Viele Betriebe müssten erneut Futter hinzukaufen, was bei 200 Tieren Mehrkosten zwischen 50 000 und 100 000 Euro pro Jahr ausmachen könne. „Das können sich die Betreiber nicht mehr lange leisten“, so Dahlmann.

Zu allem Überfluss habe Corona die Lieferketten zusammenbrechen lassen, so dass der Export stark eingebrochen sei. Der Warenüberschuss auf dem Binnenmarkt habe die Preise absinken lassen. „Durch die Restaurantschließungen ist außerdem der Absatz von Rindfleisch stark eingebrochen“, sagt Carsten Bröcker.

Direktvermarktung
in den Hofläden

Ein Silberstreif am Horizont ist für ihn die coronabedingt starke Nachfrage bei der Direktvermarktung landwirtschaftlicher Produkte in den Hofläden. „Das zeigt doch, dass die Menschen gerade in einer Krise auf die Landwirtschaft angewiesen sind“, betont Tim Neues, Vorsitzender der Ortsbauernschaft Wuppertal-West.

Wichtig seien jetzt pragmatische und konstruktive Lösungen, bei denen sich die Landwirte die Unterstützung der Politik erhoffen. Ein Beispiel dafür wären auf die Landwirtschaft ausgerichtete Ausgleichsmaßnahmen bei Bauprojekten. So könnten auf Feldern spezielle Bereiche für bedrohte Vogelarten entstehen. Die Investorengelder kämen so auch den Betrieben zugute.