Wuppertaler Musikschule: Die Geduld der Honorarkräfte geht zu Ende

Geldfragen : Wuppertaler Musikschule: Die Geduld der Honorarkräfte geht zu Ende

Die freien Mitarbeiter formieren sich zum Protest. Seit Jahren sind ihre Stundensätze nicht erhöht worden. Viele leben am Existenzminimum.

Die fast 140 Honorarkräfte der Bergischen Musikschule wollen mehr Geld. In einem anonymen Schreiben, das der Westdeutschen Zeitung vorliegt, fordern sie eine sofortige Erhöhung der Honorare um 25 Prozent. Sie begründen das unter anderem mit dem steten Wachstum der Musikschule, die inzwischen auf mehr als 8000 Schüler angewachsen und damit die zweitgrößte Schule im Bergischen Land ist, überboten nur von der Universität in Wuppertal.

Außerdem fordern die freien Mitarbeiter, dass freiwerdende Stellen in der Musikschule künftig fest besetzt werden. Bisher geht der Trend dahin, solche Vakanzen mit Honorarkräften auszugleichen. Der Personalstand der Stadt Wuppertal befindet sich seit Jahren in einem gewollten Schrumpfungsprozess. Löhne und Gehälter sind der größte Posten im Etat Wuppertals und birgt für Stadtkämmerer Johannes Slawig Sparpotenzial. Den 136 freien Lehrerinnen und Lehrern an der Musikschule stehen 37 tarifgebundene Arbeitsstellen gegenüber.

Freie Mitarbeiter bekommen pro 30 Minuten Unterricht knapp 13 Euro. Dieses Geld müssen die Honorarkräfte versteuern und teilweise an die Sozialkassen weitergeben. Von dem, was übrigbleibt, bestreiten die Mitarbeiter ihren Lebensunterhalt. Dabei sind gemessen an 60 Minuten 80 Euro kein niedriger Bruttolohn. Aber anders als die Festbeschäftigten haben die Freien keine vollen Arbeitsstellen, sondern sind nur zeitweise beschäftigt. Für viele läuft das auf Nettoverdienste an der Grenze zum Existenzminimum hinaus. Die Stundensätze sind nach WZ-Informationen aus dem Rathaus seit mehr als sechs Jahren nicht mehr erhöht worden. Die Honorarkräfte verdienen durch die permanente Preissteigerung in der Tendenz also immer weniger. Im selben Zeitraum stiegen die Tarifgehälter um 23 Prozent.

Kulturdezernent sieht Fluktuation mit großer Sorge

Zuständig für die Musikschule ist Kulturdezernent Matthias Nocke (CDU). Er teilt die Meinung der Honorarkräfte und hat auch den Protest bereits wahrgenommen, der von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi unterstützt wird. „Diese Frage beschäftigt uns schon seit mindestens zwei Jahren“, sagt der Dezernent. Er sehe die Fluktuation in der Mitarbeiterschaft mit großer Sorge. Die Schule leidet darunter, dass gute Freie sich auf feste Stellen in anderen Städten bewerben, sobald eine ausgeschrieben wird. „Unserer oberstes Ziel muss es sein, den Unterricht aufrecht zu erhalten.“

Das geschieht heute dadurch, dass fast 70 Prozent aller Unterrichtsstunden von Honorarkräften gehalten werden. Mit diesem Anteil liegt Wuppertal einsam an der Spitze der Musikschulen größerer Städte in Nordrhein-Westfalen.

Die Aufrechterhaltung des Unterrichtsangebots könnte in Zukunft schwieriger werden, wenn sich noch mehr freie Mitarbeiter verabschieden. Denn die Musikschule ist weiter auf Wachsumskurs. Und sie ist im Kultur- und Schulwesen Wuppertals ein wichtiger Faktor.

In dieser Woche haben sich wieder Mädchen und Jungen von zwölf Grundschulen zur Singpause in der Stadthalle getroffen. An den drei Konzerten haben insgesamt 2700 Kinder teilgenommen. Sie werden während des Schuljahres von Musikpädagogen betreut, die den Unterricht regelmäßig für 20 Minuten unterbrechen, um mit den Kindern zu singen, sie der Musik näher zu bringen. Das seit Jahren erfolgreiche pädagogische Konzept wird von Unternehmen wie Knipex, Hühoco, Breidenbach und den Stadtwerken, der Stadtsparkasse sowie von Lions- und Rotary-Clubs unterstützt. Und es funktioniert nicht zuletzt dank der freien Mitarbeiter der Musikschule.

Schon deshalb und weil die jährlich 135 000 Euro für die pädagogisch wertvolle Singpause vollständig von Sponsoren und Spendern finanziert wird, käme Nocke den Honorarkräften gern entgegen

Aber dafür brauchte der Kulturdezernent mehr Geld. Doch daran ist anscheinend nicht zu denken. Stadtkämmerer Johannes Slawig schließt die Umwandlung von honorar- in tarifgebundene Stellen kategorisch aus. „Das würde eine Million Euro zusätzlich kosten. Das Geld haben wir nicht“, sagt der Kämmerer. Daran wird sich langfristig auch nichts ändern, denn: „Die Musikschule gehört zu den freiwilligen Leistungen einer Kommune. Und wir haben schon Schwierigkeiten, unsere Pflichtaufgaben zu bezahlen.“

Für das Ansinnen der freien Mitarbeiter hat Slawig ausdrücklich Verständnis. Und er nimmt nach eigenem Bekunden auch wahr, dass finanziell besser gestellte Städte im Umland Wuppertaler Honorarkräfte abwerben. Deshalb sucht der Stadtdirektor mit Oberbürgermeister Andreas Mucke auch eine Lösung, schließlich wolle man die als Honorarkräfte beschäftigten Musikschullehrer fair bezahlen und an der Bergischen Musikschule halten. Denkbar sei etwa eine moderate Erhöhung des Schulgeldes, die 1:1 in den Personaletat der Musikschule fließt. Am nächsten Mittwoch beschäftigt sich der Kulturausschuss auf Anfrage der FDP mit dem Thema.

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