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Wuppertaler Literaturmagazin zeigt Bruchpunkt zwischen Mensch und Maschine

Literatur : Bruchpunkt zwischen Mensch und Maschine

Die vierte Ausgabe des Neolith-Literaturmagazins beschäftigt sich mit Displays.

„dis/play“: Das ist das Thema der vierten und aktuellen Ausgabe des „Neolith“, dem Magazin für neue Literatur der Universität Wuppertal. Mehr als 30 Gedichte und Kurzgeschichten ermöglichen dem Leser einen Einblick in die Gedankenwelt der zahlreichen Autoren. Doch was verbirgt sich hinter dem Thema „dis/play“?

Zum einen ist das Display gemeint, wie man es von einem Handy kennt. „Der Slash ist da, um zu zeigen, dass es Brüche gibt, zum einen auf dem Display selber, aber auch vor und hinter dem Display. Es ist der Bruchpunkt zwischen Mensch und Maschine“, erklärt Stefan Neumann, Germanistikdozent und Mitbegründer der Zeitschrift. Display, auf Deutsch „Darstellung“, wird hier aber auch im eigentlichen Sinne verstanden. Einer der Texte handle von Selbstdarstellung, Eigen- und Fremdwahrnehmung, berichtet Student Benjamin Fachinger, der Mitglied in der Neolith-Redaktion ist.

Er selbst hat eine Illustration beigetragen, die einen Taschenrechner zeigt. Anstelle von Zahlen sind aber Laute, Stilmittel und Literaturepochen auf den Tasten zu sehen. „So wie der Taschenrechner einem das Rechnen abnimmt, nimmt der Taschenschreiber die Feinheiten des Schreibens ab“, so Fachinger. Eine weitere Bilderreihe sei im Stil von alten Polaroid-Fotografien gehalten, die auch eine erste Form von Display darstellen würden.

Die Idee hinter Neolith sei es, künstlerische Kräfte zusammenzufassen und den Autoren die Möglichkeit zu geben, zu publizieren. Maike Schotten hat zum ersten Mal im Neolith ein Gedicht veröffentlicht. Es handelt von der Morgendämmerung, ihrer Lieblingstageszeit. Zu schreiben sei ein Prozess, der sich über mehrere Wochen ziehe, erklärt sie. Ihr Gedicht lässt sich auf viele Weisen interpretieren. „Interpretation bringt neue Aspekte, die so gar nicht angelegt waren“, sagt Fachinger.

Die Beiträge sind nah an der Realität geschrieben. Der Blick auf das Handydisplay, das Gefühl, in einer Bahn zu sitzen, „das kommt einem so bekannt vor“, erzählt Schotten. Stefan Neumann lobt dabei die literarischen Fähigkeiten besonders: Eine Geschichte, „RE6“, gefalle ihm so gut, „weil sie recht nah an eigene Lebenserfahrungen heranreicht.

Der Text bewegt sich zwischen Notizen auf dem Handy-Display, einem gefüllten Bahnabteil, Erinnerungssplittern und geheimen, zuweilen auch befremdlichen Gedankenströmen“, erklärt er. Er changiere zwischen knapper Beschreibung, innerem Monolog und Stream of Consciousness, dem Bewusstseinsstrom.

Das Thema „dis/play“ befasst sich auch mit gesellschaftlichen Problemen. Die Arbeit an Neolith wurde kurz nach dem Anschlag in Halle beendet, von dem ein Live-Video ins Netz gestellt wurde. „Während wir versuchen, mit künstlerischen Mitteln Tiefen und Grenzen des dis/plays auszuloten, hat uns die Wirklichkeit überrollt. Andererseits zeigt diese brutale Wirklichkeit auch, wie wichtig es für unsere Gesellschaft ist, sich mit der digitalen Welt auseinanderzusetzen“, so Neumann. Dabei sei die Stimme der Literatur eine sehr wichtige. Digitalisierung verändere die Gesellschaft und den gegenseitigen Umgang, betont Fachinger.