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Wuppertaler Liederabend vermittelt Glauben, Sehnsucht und einen Liebestraum

Konzert : Glaube, Sehnsucht, Liebestraum

Sebastian Campione und Michael Cook beschlossen mit ihrer Darbietung die Spielzeit, die aufgrund des Coronavirus sicherlich alles andere als gewöhnlich war.

Das Liederabend-Festival im Opernhaus ist mehr als ein angenehmer „Lückenfüller“. Zwischen Corona-Pause und Neustart im September gab es mit den drei Kammerkonzerten endlich wieder Live-Musik im Opernhaus, und die Ensemblemitglieder konnten sich als einfühlsame Liedinterpreten zeigen. Sebastian Campione gestaltete am vergangenen Sonntag den Saisonabschluss. Der Bassist stand zuletzt als Wunderheiler Dulcamara in Donizettis „Liebestrank auf der großen Bühne. Im Kronleuchterfoyer schöpften seine 24 Zuhörer die unter Pandemie-Bedingungen erlaubte Personenanzahl aus.

Der Sänger mit italienischen Wurzeln brachte die Lieder eines Mannes mit, der eine Wiederentdeckung längst verdient hatte. Francesco Paolo Tosti (1846-1916) schrieb an die 500 Melodien. Die von Campione ausgewählten Titel gingen ins Ohr und waren zugleich spätromantisch-verspielt – reizvolle Beispiele dafür, dass sich Kunstlieder aus Italien hinter Belcanto und Folklore nicht zu verstecken brauchen. Studienleiter Michael Cook, der Campione am Klavier begleitete, sprach vom „delightful Mister Tosti“. In seiner Wahlheimat England stieg der Komponist zum Gesangslehrer der königlichen Familie auf. Tosti musizierte mit Queen Victoria, wurde 1908 sogar zum Ritter geschlagen.

Trotz aller Erfolge hat Tosti seine Herkunft nicht vergessen. Er stammte aus einem kleinen Küstenort, und wohl deshalb ziehen sich maritime Themen durch sein Werk. In „Marechiare“ findet man das Meer direkt im Titel. Aus den Zeilen, die sich an eine gewisse Carolina richten, machte der Interpret einen einzigen Lockruf – so präsent und voll klang sein Organ. Lange bevor deutsche Schlager italienische Fischer für sich entdeckten, gab Tosti ihnen eine Stimme. Bei „Il pescatore canta“ passte sich Campione perfekt dem Wellengang im Dreivierteltakt an. In „Addio, fanciulla“ nimmt ein Seemann Abschied, und dramatische Ausbrüche gaben dem damit verbundenen Schmerz Ausdruck.

Stimmungsumschwünge
gekonnt vorbereitet

Schon Tosti wusste, welchen Effekt ein starker Refrain macht. Von daher wirkt „Non t’amo più“ heute noch frisch. Glaube, Sehnsucht, Liebestraum – Campione beschwor den dreifachen Verlust mit Verve. Neben dem Mittelmeer-Blues bekam aber auch das „Dolce Vita“ seine Chance. Die Melodie von „Luna d’estate“ formte der Sänger zu lang ausgehaltenen Bögen und setzte dann zu einem virtuosen Höhenflug an. Die „Mattinata“ gefiel durch das Wechselspiel von Tempo und Dynamik.

Nicht anders als seine deutschen Zeitgenossen vertonte auch Tosti Verse bekannter Dichter. Zu den prominentesten Namen gehört Gabriele D’Annunzio (1863-1938). Bevor sich der Schriftsteller zum Ideengeber der italienischen Faschisten entwickelte, verfasste er eine bildreiche Liebeslyrik. Diese Sinnlichkeit fasste Campione in Töne. Bei „‘A Vucchella“ kam sie in fließend-tänzerischem Rhythmus daher, bei „L’alba sepàra dalla luce l’ombra“ war das Tempo schneller, geradezu ekstatisch.

Die Stimmungsumschwünge der Lieder bereitete der Pianist gekonnt vor. Cooks Anschlag war präzise, und seine Begleitung war für den Sänger eine stets verlässliche, mehr als solide Grundlage.

Cook war es auch, der aus dem Schlussapplaus schließlich einen deutlichen Wunsch heraushörte. Er tauschte sich kurz mit Campione aus, der sich dann ans Publikum wandte: „Ich glaub’, wir haben noch eins.“ So gab es noch die Gelegenheit, ein Chanson zu hören. Denn Tosti komponierte nicht nur in Italienisch und Englisch, sondern auch viel in Französisch. Den Titel „Partir c’est mourir un peu“ (Weggehen ist ein bisschen wie Sterben) musste man aber nicht allzu ernst nehmen. Der Sänger nahm die Melodie so leicht und beschwingt, dass es sich nicht nach einer längeren Abwesenheit anhörte.