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Wuppertaler lächeln sich während Corona hinter Schutzmasken weiter zu

Soziales : Lächeln hinter Schutzmasken

Die WZ begleitete Giovanni Wirths vom Stadtteilservice beim Einkaufen für Senioren, die keine Familie mehr haben.

Giovanni Wirths begrüßt Renate Mende an ihrer Wohnungstür mit einem Kompliment: „Schick sehen Sie aus.“ Dass die 73-Jährige lächelt, lässt sich nur an ihren funkelnden Augen erahnen. Denn im Treppenhaus stehen sich zwei Menschen mit Schutzmasken gegenüber. Mit Latex-Handschuhen nimmt der Einkaufshelfer eine handgeschriebene Einkaufsliste entgegen. „Gehen wir das eben nochmal durch“, sagt er. „Blaubeeren, Braeburn-Äpfel, Haferflocken...“ Dann stutzt der 39-Jährige: „Was ist denn Light Live?“ Mende verschwindet kurz in ihrer Wohnung, während eine Katze in der Tür die Stellung hält. „Der hier“, sagt die Seniorin und zeigt eine halbvolle Sektflasche vor. „Alkohol ist nicht erlaubt“, erinnert der Einkaufshelfer, doch Mende zeigt auf das Etikett: „Der ist alkoholfrei.“ Irgendwann sind alle Unklarheiten beseitigt und nach dem Satz „Hier sind die Taler“ wechseln 70 Euro den Besitzer.

Giovanni Wirths macht sich mit einem Einkaufstrolley im Schlepptau auf den Fußweg zum nächsten Discounter. Renate Mende ist eine von 15 Härtefällen, die vom Internationalen Bund in Coronazeiten mit Einkäufen versorgt werden. Vor der Pandemie kümmerte sich der Stadtteil-Service um 50 alte Menschen am Arrenberg, in der Südstadt und in Cronenberg. Das Angebot ging weit über die Einkäufe hinaus und beinhaltete auch Begleitgänge zum Arzt oder auch gemeinsames Spazierengehen.

Das ist derzeit nicht möglich. Denn Giovanni Wirths und seine Kollegin Brigitte Werthmann sind die einzigen Helfer, die die Versorgung für die alten Menschen noch aufrechterhalten. Normalerweise werden sie von dutzenden Menschen unterstützt, die sich im Rahmen einer „Arbeitsgelegenheit“ über das Jobcenter für 1,50 Euro die Stunde das monatliche Einkommen aufbessern. „Doch die Arbeitsgelegenheiten wurden wegen Corona heruntergefahren“, sagt Alfons Herweg, Projektleiter Stadtteilservice. Daher wird jetzt nur noch für diejenigen eingekauft, die gar keine Familie haben, die sich kümmern kann.

Die Situation ist für alle Beteiligten eine schwierige

Die Situation sei für die alten Leute, die sich an die Gesichter der Einkaufshelfer gewöhnt haben, eine schwierige. Wirths berichtet: „Viele sind sehr einsam. Da freuen sie sich sehr, wenn sie uns sehen.“ Auch für den Helfer-Pool, der jetzt zu Hause sitzt, falle eine wichtige Einnahmequelle weg, so Alfons Herweg. Einige hätten sogar angeboten, freiwillig weiter mit anzupacken, doch das Jobcenter habe das untersagt.

Giovanni Wirths ist im Netto-Markt um die Ecke angekommen. Er ist froh, wenn er direkt eintreten darf. Aktuell keine Selbstverständlichkeit mehr, weil viele Supermärkte Einlassbeschränkungen durchführen. „Bei Rewe musste ich schon mal 15 Minuten vor der Tür warten“, sagt Wirths. Viel Zeit für Sonderwünsche bleibt den Helfern nicht, die jeden Tag unterwegs sind und für jeden Kunden jeweils wöchentlich einkaufen. Wirths steuert daher höchstens noch ein zweites Geschäft an, wenn es in der Nähe ist. Nicht mehr. „Das schaffen wir sonst gar nicht.“

Doch was, wenn das oft vergriffene Klopapier auf der Liste der Senioren steht? „Da haben wir zum Glück eine Hauslösung“, sagt Herweg. Das Toilettenpapier kommt aus dem Lager des Internationalen Bundes am Arrenberg, wo derzeit viel weniger Rollen benötigt werden, weil das Geschäft mit Sprachkursen und Freiwilligendiensten aktuell zum Erliegen gekommen ist.

Bei Renate Mende klingelt es wieder. Vor der Tür steht eine Tasche mit den Einkäufen, die sie kontaktlos entgegennimmt. Trotz der Unterstützung durch den Stadtteilservice muss Mende noch manchmal außer der Reihe vor die Tür. Eine Woche ist schließlich lang. „Ich trage dann jedes Mal einen Mundschutz“, sagt die Seniorin. Trotzdem muss sie den Bus nehmen, um in die Innenstadt zu kommen. Manchmal ist das Brot alle. Oder Mende benötigt Schwämme für ihren Mann, der nach zwei Schlaganfällen das Haus nicht mehr verlassen kann. Mende ist Hilfsbedürftige und Helferin in einem. Sie sagt: „Ja, mein Mann ist mein Pflegefall.“