Freies Netzwerk Kultur Wuppertaler Kulturkolumne: Wie Publikum oder Mitstreitende erreichen?

Wuppertal · Viel Ratlosigkeit nach der Europawahl.

 Torsten Krug.

Torsten Krug.

Foto: Andreas Fischer

Wer – zumindest in meiner Bubble – für Europa Hoffnungen hatte, wachte am Montag verkatert auf: Rechte und rechtsradikale Parteien werden im Europäischen Parlament deutlich an Einfluss gewinnen. Das mag alarmieren, gerade im Hinblick auf anstehende nationale Wahlen – möglicherweise erscheint es dramatischer, als es ist: Medienwissenschaftler wie Bernhard Pörksen sehen uns gesamtgesellschaftlich weniger gespalten als oft diagnostiziert. Nach wie vor stellen pro-europäische Parteien die deutliche Mehrheit. Letztlich ist es das Ergebnis demokratischer Wahlen, die erstmals maßgeblich von jungen Menschen mitbestimmt wurden, was prinzipiell zu begrüßen ist. Doch auch unter ihnen haben viele Rechts gewählt. Warum?
Ein zentraler Aspekt scheint mir, wie wir uns gegenseitig begegnen – und das hat mit Kultur zu tun. Leider lesen die meisten Menschen keine mehrseitigen Zeit-Artikel oder auch nur die WZ. Stattdessen werden wir beim »Doomscrollen« zu perfekten Opfern von Propaganda. Dass bei dieser im Umfeld der AfD Verbindungen nach China oder Russland nachgewiesen wurden – ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Seit vielen Jahren ist die AfD massiv auf sozialen Plattformen unterwegs: Auf Facebook hat sie doppelt so viele Follower wie alle anderen Parteien, auf Youtube gar das Zehnfache an Abonnenten. Auf TikTok durfte sie das Feld eine Zeit lang nahezu alleine bespielen. Erik Ahrens, rechter Aktivist aus dem Umfeld der „Identitären Bewegung“, hat für den AfD-Spitzenkandidaten Maximilian Krah Videos erstellt und betrieb nach eigenen Angaben dessen TikTok-Kanal. Bei einem Vortrag am rechtsextremen Institut für Staatspolitik in Schnellroda im September 2023 gab er Einblicke in sein Vorgehen: „Diese Videos finden von allein ihr Publikum. Das ist so, wie man sich 1923 gefühlt haben muss, als man das Radio für sich entdeckt hat. So fühle ich mich, wenn ich meine TikTok-Accounts anschaue.“
Tatsächlich war für den Aufstieg des Nationalsozialismus das Radio zentral. Heute scheinen die sozialen Medien wie gemacht für kurze emotionale Botschaften ohne jeden Kontext: „Jeder dritte junge Mann hatte noch nie eine Freundin. Du gehörst dazu? Schau keine Pornos, wähle nicht die Grünen, (…) und vor allem, lass dir nicht einreden, dass du lieb, soft, schwach und links zu sein hast. Echte Männer sind rechts.“ (alle Zitate nach ZDFheute) – Darüber könnte man lachen. Es ist von solcher Dummheit und dabei so ekelhaft, dass wir es sofort verdrängen möchten. Aber: 1,4 Millionen Aufrufe hat Herr Krah allein mit diesem Kurzvideo auf TikTok erzielt. Hass, Hetze und Stumpfsinn im Algorithmus. Einsamkeit – nicht nur bei Jugendlichen – scheint ein Faktor bei der Nutzung sozialer Netzwerke zu sein. Längst hat sich vor allem auf den Smartphones eine Parallelwelt etabliert. Noch einmal Ahrens in Bezug auf die durchschnittliche Nutzungsdauer von TikTok unter 14- bis 19-Jährigen in Deutschland: „Man hat 90 Minuten am Tag ein Fenster in deren Gehirn, wo man rein senden kann.“
Auch die Kulturszene muss sich immer wieder fragen, wie sie ihr Publikum oder Mitstreitende erreicht. Viele hätten mit Plattformen wie TikTok oder selbst Facebook am liebsten nichts zu tun. Ich selbst liebäugele oft damit, mich ganz aus sozialen Netzwerken zu verabschieden. Im April dieses Jahres, also vor zwei Monaten, vermeldeten die Grünen, dass sie nun auch auf TikTok seien, der Kanzler kurz darauf ebenso. Es war wohl deutlich zu spät.

Anregungen erbeten an: