Freies Netzwerk Kultur Wuppertaler Kulturkolumne: Vom Verschwinden und Zusammenfinden

Wuppertal · Weiterweben mit Kunst, Kultur und Gemeinwohl.

Uta Atzpodien

Uta Atzpodien

Foto: Ralf Silberkuhl

Sie verzaubert, unsere Stadt, wenn sie so blüht. Hummeln brummen, Vögel zwitschern. Insbesondere die Magnolien: Noch nie habe ich sie in so voller und makelloser Blüte gesehen. Ihre Zeit ist fast vorbei, verrät der prächtige, jetzt leer wirkende Baum vor der Friedhofskirche.

Das Verschwinden geht mit einem neuen Wachsen und Zusammenfinden Hand in Hand. Rasant sprießen die Blätter, es grünt, fast schwindelerregend, so warm ist die Luft. Ein fader Beigeschmack zieht sich durch die vergängliche Pracht: So viel früher sind die Rhythmen der Natur, um Wochen früher mit Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. Schmerzhaft lange bekannt und drängender von Jahr zu Jahr: Die einen sprechen von Klimafolgenanpassung. Sie unterfüttern dies mit den notwendigen wissenschaftlichen Analysen und regen praktische Maßnahmen an, andere suchen ihre eigenen Wege, wie die für ihr „Wildbienenhelfer-Buch“ bekannte Designerin Anja Eder.

Sie initiiert gerade ein Crowd-funding-Projekt bei Startnext für ihr schönes und so sinnvolles Vorhaben „Mein Arten-Retter-Garten. Der Garten als Chance“, mit dem sie selbstwirksam dem Verlust der Biodiversität entgegensteuert.

Mit drei anregenden Aktionstagen, einem #Weben für Morgen haben wir uns im Insel Verein Ende März dem Austausch, Dialog und einem gemeinsamen Gestalten gewidmet: Künstlerische, aktivistische und wissenschaftliche Praxis sind in ein ganz eigenes und kraftvolles Zusammenspiel gekommen. Die ausdrucksvoll-aufwühlenden Szenen mit Léonor Clavy in der Tanzperformance „Heißzeit“, einer Choreografie von Jan Möllmer, wirken immer noch nach.

Ergänzend ist es, als ob sich die Tänzerin Sophia Otto, Akteurin der Langzeit-Performance „The last knit“ von Annika KompArt, jetzt noch durch meinen Alltagsraum webt und grazil ihre roten Fäden spannt: Das ist das Besondere an Kunst, die unter die Haut geht und zugleich den Blick auf die Dinge prägt und verändert, nährt und Kraft gibt.

Die Themen der Aktionstage – wie Gärten, Materialkreisläufe, Gebäude und Energie, Solidarität und Gemeinwohl, Mobilität und Teilhabe, Catering und Klimateller – schwingen künstlerisch angeregt mit wertvoll zusammengetragenem Wissen fruchtbar nach. Beim Klimafrühstück wurden in prominenter Runde Flaschenpost-Botschaften verkündet, die als Learnings anregen, mutig weiterzuweben. Nicht nur Kunst und Kultur, sondern die gesamte Stadtgesellschaft muss sich den Herausforderungen noch klarer stellen: und zwar gemeinschaftlich. Inspirieren kann hier das bei #Weben für Morgen entstandene und aufschlussreiche Graphic Recording von Dalibor Relic: Zu finden ist es jetzt auf den Websites von Insel Verein und freiem Netzwerk Kultur.

Noch ein spontaner Hinweis fürs Weiterweben: Heute lädt eine digitale Werkstatt der Kulturpolitischen Gesellschaft um 16 Uhr ein, sich der Frage „Kunst und Gemeinwohl? Labs für Digitalität und Nachhaltigkeit“ zu stellen. Der Anmeldelink ist unter dem Titel leicht aufzuspüren. Mit bundesweiten und konkreten Next Practices verschiedener Kunstsparten geht es darum, auszuloten, was zu einem guten Weg in eine Next Society, eine zukunftsfähige und nachhaltige Gesellschaft beitragen kann.

Bevor sich die Wuppertaler Literatur Biennale Anfang Mai facettenreich und mit vielversprechendem Programm dem Fokus „Vom Verschwinden“ und somit der Vergänglichkeit widmet, geht es nächste Woche erstmal um überbordende Präsenz: Zum lebendig neuen Zusammenfinden der freien Kunst- und Kulturszene lockt der „Jour fixe reloaded“ am Dienstag, 16. April, um 18 Uhr in den Nebenraum des Café Schimmerlos. Feedback an: