Freies Netzwerk Kultur Wuppertaler Kulturkolumne: Noch ein Versuch zur Poesie in finsteren Zeiten

Wuppertal · Allgegenwärtige Krisen schärfen das Bewusstsein und die Sinne.

 Dennis Schlizio ist Literatur-, Philsophie- und Theaterwissenschaftler und verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit beim Insel-Verein.

Dennis Schlizio ist Literatur-, Philsophie- und Theaterwissenschaftler und verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit beim Insel-Verein.

Foto: Dennis Schlizio

Wenn ich durch die Stadt spaziere, gehen mir in den letzten Tagen beständig zwei kurze Zeilen im Kopf herum, die ich schon lange kenne, an die ich früher aber nie gedacht habe: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“ aus Hölderlins „Patmos“. In der Musikalität, vielleicht auch in der Antiquiertheit dieses optimistischen Satzes liegt Trost. Vielleicht denke ich also auf einmal daran, wie einem plötzlich eine schöne Erinnerung einfällt oder ein Songtext. Vielleicht hat es aber auch einen Moment der Gefahr gegeben, in dem mir das wieder eingefallen ist, herrscht doch an solchen angesichts der Weltlage kein Mangel. Dann wäre dieser gewisse lyrische Zweckoptimismus selbst Teil des oder meines Rettenden: Allgegenwärtige Krisen schärfen das Bewusstsein und die Sinne, können die Fähigkeit und den Willen zu Perspektivwechsel und Anteilnahme erhöhen.

Am Sonntag haben wir auf der Insel in einem Kooperationsprojekt den Dokumentarfilm „Der Rhein fließt ins Mittelmeer“ des israelischen Filmemachers Offer Avnon gezeigt, den er in zehnjähriger Arbeit in Israel, Polen und Deutschland gedreht hat. Seine Kraft bezieht der Film aus einer subtilen Montage von Landschaftsaufnahmen mit Umgebungstönen, Interviews und Aufnahmen der Interviewten mit besonderes erinnerungsbehafteten Objekten, die eine fast beklemmende, ambivalente Wirkung erzeugen. Er stellt die Frage nach der Gebundenheit individueller wie kollektiver Erinnerungen an Orte und Gegenstände sowie nach dem Wandel und den Widersprüchen in diesem Verhältnis.

Erschütternd fand ich eine Einstellung, in welcher ein sehr alter polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Nahaufnahme mehrmals mit den Tränen kämpft, wenn er die Namen seiner alten Heimat ausspricht, zum Beispiel „Neiße“. In einer anderen Kernszene des Films erzählt eine Interview-Partnerin, diesmal Tochter einer Holocaust-Überlebenden, davon, wie sie das erste Mal nach Deutschland gekommen ist. Sie beschreibt, dass sie die Einfahrt nach Berlin, als im Bus gedämpfte klassische Musik lief und die Umgebung für ihre Begriffe fast surreal sauber war, als regelrecht retraumatisierend erlebt habe, ohne dass sie in Worte zu fassen vermöge, warum genau.

Eben diese den Dingen, Orten, auch Klängen eingeschriebenen Mikrotraumata macht der Film anschaulich. Was die Menschen sagen, wird kaum kommentiert, auch problematische, weil zum Beispiel antisemitische Aussagen stehen bleiben.

Beim anschließenden Gespräch mit dem Autoren merkte ein Zuschauer an, dass Filmemacher eine große Kraft haben, die der Montage. Aus dem gedrehten Material ließen sich auch ganz andere Filme mit anderem Subtext oder anderer Aussage schneiden. Dieser Kraft spiegelbildlich gegenüber steht unsere eigene Kraft, Teil des Rettenden vielleicht, nämlich den Blick zu weiten, der Krise nicht mit Resignation, sondern mit Fantasie und Mut zu begegnen.

Und wenn es zwischendurch aber ganz schlimm wird und nichts anderes mehr hilft: Denken Sie ruhig mal an was ganz Harmloses, einen alten Songtext oder einen sehr jungen Elefanten! Mir hilft sowas manchmal auch schon.

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