Freies Netzwerk Kultur Wuppertaler Kulturkolumne: Europawahl als vielstimmiges Konzert

Wuppertal · Tine Lowisch wählt immer. Nicht aus Gewohnheit, sondern aus Überzeugung.

 Tine Lowisch.

Tine Lowisch.

Foto: CLAUDIA SCHEER VAN ERP

Am Sonntag ist Europawahl. Die erste Europawahl seit Jahrzehnten, bei der es nun wirklich um Europa geht. Die Nachrichten sind übervoll von erschütternden Ereignissen, die mich fast dazu verleiten könnten, frei nach Niklas Luhmann (1927 – 1998), ohne jegliches Vertrauen mein Bett nicht mehr zu verlassen. Wenn ich wider Erwarten doch aufstünde, dann frei nach Gilles Deleuze (1925 – 1995) zufolge nur, um ins Wahllokal zu gehen. Denn: Ich wähle immer. Und das nicht nur aus Gewohnheit, sondern aus Überzeugung. Meine Stimme zählt, denn jede Stimme zählt.

Eine Wahl zu haben, hat eine wichtige Funktion. Eine freie, geheime Wahl innerhalb einer Demokratie vereint Gegensätze und legitimiert politische Entscheidungen. Die Gewinnerin des „Kandidatinnen- und Kandidaten-Slam zur Europawahl“ am vergangenen Sonntag in der Börse, Rebekka Müller von der Partei Volt, warb in einem ihrer Beiträge zum Themenblock „Ungleichheit in Europa“ mit dem Satz „Wählen rettet Leben“ eindrucksvoll auch dafür, unbedingt wählen zu gehen. Dies ist nur einer von vielen klugen Sätzen, die an diesem Abend von den Politikerinnen und Politikern dem Publikum vortrefflich poetisch vor den Latz geslamt wurden.

Die Europa-Kandidatinnen und -Kandidaten hatten sichtlich Spaß daran, ihre Inhalte einmal in einem Format außerhalb ihrer Komfortzone zu vermitteln, und das Publikum im vollbesetzen Blauen Saal der Börse dankte ihnen mit teilweise tosendem Applaus. Das für Politikerinnen und Politiker außergewöhnliche Umfeld eines Literaturwettbewerbs, überaus gelungen moderiert von Wilko Gerber und Julian Spiegelhauer vor einem Publikum, das zum großen Teil mit den Regularien des Poetry-Slam bestens vertraut war, führte zu einem konstruktiv-kreativen Erlebnis mit wertvollem, da aufforderndem Charakter.

Die Trophäe – der junge Friedrich Engels, eine Skulptur von Eckehard Lowisch, die einmal im Monat bei der Slam-Börse wortreich gewonnen werden kann – war diesmal dem Anlass entsprechend in Europablau gehalten und dazu auch noch mit Steinstaub confiert. Staub, der einen an Sternenstaub denken lassen könnte. Die uns lokal schon so vertraute Figur erinnert daran, dass Feststellungen und Beobachtungen zum Zustand der Welt, egal wie gut sie gedacht oder gemacht sein mögen, auch fehlinterpretiert werden können. Vielleicht hilft die Betrachtung einer kleinen Skulptur aus Wuppertal irgendwann einmal sogar bei weitreichenden Entscheidungen in Brüssel, Straßburg oder Luxemburg?

Denn schon der junge Friedrich Engels (geboren 1820 in Wuppertal) wusste, dass nichts so lückenhaft begriffen wird, wie die Motivation des Menschen. Er sprach und schrieb vor bald 200 Jahren über den Willen zur Veränderung und die Überwindung von Missständen und stellte nichts weniger als die soziale Frage. Normalerweise bin ich bei vielen Themen der Meinung, dass weniger oft mehr ist. Für die Europawahl am kommenden Sonntag wünsche ich mir ausnahmsweise aber einmal mehr: mehr Beteiligung.

Das ist das wenigste, das ich tun kann. Denn um ein Europa zu legitimieren, in dem Freiheit und Frieden als Vision beispielhaft vorgelebt wird und Demokratie als bestmögliches Gesellschaftsmodell zur Nachahmung empfohlen wird, ist es keine allzu hohe Kunst, seine Stimme bei einer Wahl abzugeben. Es ist ein friedliches Mittel der freien Kommunikation, ein vielstimmiges Konzert aus verschiedensten, am besten nur guten Tönen. Stimmen wir es also gemeinsam an und mit eigener Stimme einzeln ab. Das zählt.