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Wuppertaler Kulturkolumne: Durchs Handeln etwas verändern​

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Tine Lowisch fragt: Was lernen wir aus einer weltumspannenden, selbstherbeigeführten, multiplen Mega-Krise?

Die Tage im November sind kurz und die Nächte sonderbar lang. Dieser Monat eignet sich also ganz gut als Kraftquelle, wenn der Zustand der Welt nicht so schlaflos machte. Nach Niklas Luhmann (1927-1998) könnte ein Mensch, ohne zu vertrauen, morgens nicht mehr aufstehen – er würde lieber im Bett bleiben, denn den Zustand des fehlenden Vertrauens hält kein Mensch auf Dauer aus. Und wenn er wider Erwarten doch aufstünde, der Mensch, dann dem Philosophen Gilles Deleuze (1925 -1995) zufolge nur, um ins Kino zu gehen.

Ich muss zugeben, dass ich viel zu lange schon nicht mehr im Kino, im Theater, im Club oder in der Oper war. Noch nicht einmal in der, in der man in Wuppertal schwimmen kann. Im Moment schaffe ich es gerade noch in die eigenen Kunsträume - einmal in jene zuhause oder auch in die, die wir seit Jahren an einem für uns fußläufig erreichbaren Bahnhof ehrenamtlich verlässlich als Projektraum für einen Bürgerverein künstlerisch leiten. Noch kann ich offensichtlich vertrauen und in der Folge also immer wieder aufstehen.

Noch, denn die Kunststation ist mein Akku. Ehrlicherweise der einzige Ort, an dem ich mich noch motivieren kann, weil ich glaube, dass ich dort vor Ort durch das eigene Handeln etwas verändern und bewirken werde. Psychologen sprechen da, glaube ich, von Selbstwirksamkeitserfahrung, die ihrer Einschätzung nach ein ganz wesentlicher Faktor ist, um sich wohlzufühlen, auch wenn die Nerven blank liegen. Ich sitze dort hinter einem Schaufenster und nutze es als Blickfenster. Sehe, dass die Flaschensammler immer mehr werden, ihre Gesichter immer leerer - ein allgemeines Ohnmachtsempfinden spiegelt sich darin, ist fast mit den Händen zu greifen…

So beobachte ich es an diesem meinem 9. November am Bahnhof. Es ist so ganz anders als in den Jahren zuvor. Was kann ich also weiterhin tun? Ansprechbar und sichtbar für die Passanten bleiben. Immer wieder um Nachsicht bitten, wenn die Überraschung groß ist, dass eine öffentliche Toilette am Bahnhof fehlt. Den Weg erklären zur Nächstgelegenen auf dem Marktplatz. Zu Fuß nur fünf Minuten entfernt, genauso weit weg wie die Schwebebahn. Die Tür öffnen, ins Gespräch kommen, Kunst zeigen. Den Überraschungseffekt nutzen, der darin liegt. Gestressten Reisenden einen Moment der Ruhe anbieten. Ein Glas Wasser, dazu einen Keks oder eine Steckdose zum Handyaufladen. Ein paar Anekdoten zur Aufheiterung erzählen oder Fragen beantworten zu meiner „langen, schmalen, sehr seltsamen Aktionistenstadt“, wie Wuppertal nicht nur einmal beschrieben wurde. Also: aktiv sein und bleiben, Gemeinschaft anbieten, versuchen Verbundenheit herzustellen, Zuversicht ausstrahlen, auch wenn sie bei mir selbst nicht erst seit gestern schwindet. Nachfragen, wie wir künftig zusammenleben wollen, wie wir unsere Stadtplätze, unsere Räume und Gebäude und unser Zusammenleben als Grundelement unserer Gesellschaft gestalten wollen.

Was lernen wir aus einer weltumspannenden, selbstherbeigeführten, multiplen Mega-Krise? Unser Ansatz, da weiterzukommen, ist der fortlaufende Versuch, künstlerische Praxis als Handwerk mit unserer disziplinübergreifenden Technik der Vermittlung von Kunstverständnis zu kombinieren und als einen Ausweg zu testen. Mehr können wir nicht in die Petrischale werfen. Also, schaut euch um, wenn ihr Kapazitäten frei habt, findet Leerstände als eigene Wirkungsstätten, verhandelt Verantwortung und nutzt sie vorübergehend als Freiräume. Denn die braucht es und mit ihnen kann es wirksam weitergehen.