Wuppertaler Künstler wollen erfrischende Räume für Unerwartetes

Freie Kultur Wuppertal : Erfrischende Räume für Unerwartetes

Uta Atzpodien beobachtet, wie wichtig kulturelle Orte für Gemeinschaftlichkeit sind.

„Die Zukunft tut sich auf, wenn wir uns ihr zuwenden“ klang es letzte Woche abends aus meinem kleinen Küchenradio, beim Tischgespräch auf WDR 5. Die ruhigen und unprätentiösen Worte stammten vom Mystiker Thomas Hübl. Erfahren in Meditation sprach er davon, wie wichtig Ruheräume sind, wie daraus Kreativität entstehen kann und wie sie helfen können, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten, persönlich und kollektiv. Das häusliche Tischgespräch kam ungeplant, ich war enttäuscht, denn so viel Spannendes läuft an Kunst in unserer Stadt und mein Abendprogramm war geplatzt. Mich hatte ein heftiger Infekt erwischt. Ich war zu angeschlagen und erschöpft, um wie geplant den Abschluss der Oper-Reise „Sound of the city“ durch die Clubszene Wuppertals zu besuchen. Schon im Loch bei der fulminanten „Oberbürgermeister der Nacht“–Wahl, zwei Tage vor der Europawahl, war eine eigentümliche Lebendigkeit entstanden. Erfrischende Wahlprogramme der Kandidaten, tolle Musik und eine kuriose Mischung aus jungen Clubgängern, Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung und Kunstszene, die ich so noch nie miteinander erlebt hatte. Mit der legendären Tanztheater- und Tatort-Schauspielerin Mechthild Grossmann und ihrer tiefen Stimme kehrte „Sound of the city“ nun ohne mich in den Heimathafen Oper zurück.

An jenem Abend half mir der bis dahin unbekannte Hübl auf die Sprünge, um einiges besser zu verstehen, es als Erfahrung zu verdauen und weiterzudenken. Der irakische Schriftsteller Usama Al Shahmani tauchte vor mir auf, der Ende April zu Gast bei Literatur auf der Insel war, dem seine Zeit in der Natur, das Wandern, die Gespräche mit den Bäumen helfen, seine Lebens- und Fluchterfahrungen zu verarbeiten und dessen Großmutter ihm die Zuversicht gelehrt hatte. Wie in einem altem Super8-Film flackerten weitere Szenen auf: Der Film „Mensch:Utopia“, der zur Jubiläumsfeier vom Wuppertal Institut 2016 Premiere hatte, Menschen aus Oberbarmen und vom Arrenberg nach ihren Zukunftswünschen, ihrem Utopia befragte und sie beim Sich-Selber-Zuhören filmte. Abende in der ersten Phase des Projekts „Lebe Liebe Deine Stadt“, an denen der Choreograph Mark Sieczkarek 2015 zu Momenten der Stille einlud, zu einem Körpertraining. Erst dann begegneten sich die Menschen mit konkreten Ideen kreativ.

Kunstorte können
Raum für Neues sein

Dieser Ansatz wurde letztes Jahr bei den Bergischen Klimagesprächen 2018 aufgenommen. Im Innehalten können solche Räume für Unerwartetes entstehen, alleine oder gemeinsam oder auch über konkrete Kunstorte, die bespielt werden, und für Kunst und Stadt wie ein Motor und Raum für Neues sein können.

„Bei sich selbst ankommen und damit in die Welt gehen“ hieß es im Tischgespräch. Aus dem Innehalten entstehen kreative Gespräche, mit uns selbst und mit anderen. Sie vitalisieren uns, laden uns auf und inspirieren uns auch politisch. „Update“ nutzt Hübl als Wort dafür. Ja, wer fühlt sich so nicht lebendig? Das können Jour fixe-Treffen von )) freies netz werk )) Kultur zeigen, die pulsierende Utopiastadt, das Loch, aber auch nicht kunstspezifische Veranstaltungen und Orte. Auch im Alltag, im Supermarkt oder auf der Straße können wir das erleben. Selbst wenn wir krank sind, auf Familienfesten oder Zeit in der Natur verbringen: Kreative Räume für Unerwartetes können ganz unterschiedlich aussehen. Aus Innehalten kann eine lebendige Gemeinschaftlichkeit entstehen, nach der wir uns alle sehnen.