Wuppertaler Klaus Döring ist mit 74 Jahren auf die Tafel angewiesen

Reportage : Klaus Döring ist mit 74 Jahren auf die Tafel angewiesen

Die WZ begleitete den Wuppertaler zur Lebensmittelausgabe. Freunde mussten ihn zum Tafel-Besuch erst überreden.

Klaus Döring geht mit seinen Krücken über die Rampe, die zur Lebensmittelausgabe der Tafel in Barmen führt. „Heute ist wenig los“, sagt der Rentner angesichts der rund 30 Menschen vor dem Eingang. Viele von ihnen sind mit dem Rollator gekommen. „An manchen Tagen stehen hier 100 Leute, dann reicht die Schlange bis zum Parkplatz“, berichtet Alexandra Göttker vom Stadtteilservice. Sie hilft Döring beim Verstauen der gespendeten Lebensmittel. Schließlich kann er nicht mehr so gut heben. Er ist 74 Jahre alt und da seine Rente nicht zum Leben reicht, holt er sich seine Lebensmittel von der Tafel. „Dabei habe ich ein Leben lang gearbeitet“, sagt er.

In der Lebensmittelausgabe riecht es nach Schweiß und frischem Obst. Über einer Theke, auf der dutzende Brote liegen, hängt ein Gemälde, das Hollywoodstars wie Marilyn Monroe zeigt, die wie beim Abendmahl Jesu angeordnet sind. In der Mitte des Raumes steht eine Anmelde-Theke, die so aussieht, als wäre sie aus einer Zahnarztpraxis hierhin verpflanzt worden. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin überprüft den Tafelausweis der Bedürftigen und kassiert einen Betrag von ein bis zwei Euro.

Döring hat pro Monat nur eine Rente in Höhe von 600 Euro

Klaus Döring kennt die Abläufe. Er besucht seit etwa fünf Jahren die Tafel. Nötig wäre das eigentlich schon früher gewesen. Aber der Wuppertaler sagt: „Ich wollte am Anfang nicht hier hingehen, weil ich mich geschämt habe.“ Erst auf das intensive Drängen von Freunden und Verwandten habe er sich auf den Weg gemacht.

Der Rentner fühlt sich noch immer etwas fehl am Platz. „Ich bekomme jetzt keinen Cent weniger als jemand, der sein Leben lang nichts gemacht hat. Das finde ich nicht fair“, sagt Döring. Für seine 43 Jahre beitragspflichtige Arbeit erhalte er nun eine Rente von 600 Euro. Als junger Mann hätte er das nicht für möglich gehalten. Nach seiner Ausbildung zum Fotokaufmann arbeitete er drei Jahre in seinem Beruf, war später als Versicherungskaufmann selbstständig tätig und hat sich danach mit Hilfsjobs über Wasser gehalten. Jetzt lebt er von Grundsicherung und gespendeten Lebensmitteln. Döring sagt: „Dabei ist Deutschland so ein reiches Land. Eine kleine Anerkennung für meine Arbeitsjahre fände ich gut.“

Der 74-Jährige lässt sich Kartoffeln, Champignons, Paprika, Tomaten, Erdbeeren, Blaubeeren, Blumenkohl, Pfirsiche, Möhren und Lauch einpacken. Käse und Wurst sind heute knapp, daher gibt es dieses Mal nur jeweils eine Packung. Der Rentner beschwert sich nicht. „Ich nehme das, was da ist. Manche führen sich ja so auf als wären sie bei Aldi“, sagt Döring.

Manchmal sei der Umgangston an der Rampe etwas rauer. Heute wird wieder bei Obst und Gemüse gedrängelt. Menschen schieben ihre Arme über Köpfe hinweg, um frische Salatköpfe aus der Auslage zu angeln.

Plötzlich schreit die Mitarbeiterin an der Theke durch den Raum: „Hallo, hallo! Nein. Nicht mehr.“ Ein Mann hat sich in den Laden geschlichen, um noch etwas Rhabarber abzugreifen. Doch das Tafel-Team hat aufgepasst und führt den Besucher freundlich nach draußen. „Der versucht immer, mehrfach reinzukommen“, sagt die Mitarbeiterin an der Theke. Im Prinzip kann jeder nehmen, was er braucht. Doch manche Leute verstehen nicht, dass dieses Angebot auch seine Grenzen hat.

Klaus Döring ist schon nach etwa zehn Minuten dem Trubel wieder entflohen. Weil er einen Schwerbehinderten-Ausweis besitzt, kommt er sofort dran. Andere ziehen eine Nummer und werden, wenn sie Glück haben, direkt aufgerufen oder müssen, wenn sie Pech haben, zwei Stunden warten. Einige haben keine Lust, nach den Regeln zu spielen. Eine Mitarbeiterin verrät: „Es gibt schon mal Leute, die uns mit Zigaretten oder Bonbons bestechen wollen.“

Manchmal gibt es für die
Kunden Überraschungen

Döring geht an Frauen vorbei, die auf dem Parkplatz Erdbeeren mit dunklen Stellen aussortieren. Viele Früchte wandern in die Tonne. Das Obst hat manchmal keine Supermarktqualität mehr. Dafür berichtet Döring davon, dass es auch mal besondere Überraschungen in der Auslage gibt. So gingen die Bedürftigen zu Neujahr einmal mit eingefrorenen Sahnetorten nach Hause. Klaus Döring ist mit seiner Ausbeute zufrieden. Er kocht gleich noch das Gemüse und friert einige Portionen ein, so dass er möglichst lange etwas davon hat.

Im Laden kehrt langsam Ruhe ein. Die erste Ansturm ist vorbei, am Nachmittag geht’s weiter. Auf dem Boden bleiben noch ein paar zertretene Erdbeeren zurück. Wortlos verlassen die meisten Gäste mit vollen Taschen den Tafel-Laden. Nur ein Mann winkt den Frauen an der Theke zu: „Tschüss, meine Lieben. Und vielen Dank.“

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