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Wuppertaler Kirchenkolumne: Wir sind in die Irre gegangen​

Was glauben Sie denn? : Wuppertaler Kirchenkolumne: Wir sind in die Irre gegangen

Pfarrer Jochen Denker über das „Darmstädter Wort“ und die Frage: Auf welchen Irrwegen ist die Kirche derzeit unterwegs?

Ein Schuldbekenntnis zu sprechen und zu sagen, dass man sich verirrt und verrannt hat, ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil.

In Darmstadt vor gut 75 Jahren, am 08. August 1947, verabschiedete der „Bruderrat“, das damalige Leitungsgremium der Evangelischen Kirche in Deutschland, ein „Wort zum politischen Weg unseres Volkes“.

Damals standen die Zeichen im Lande und auch in der Evangelischen Kirche auf „Restauration“. Die zwölf Jahre Hitlerdiktatur mit all der Schuld und der eigenen Beteiligung an ihr sollten möglichst schnell vergessen sein. Der „Vogelschiss“, wie ihn ein deutscher Politiker noch vor wenigen Jahren nannte, sollte nicht lange an der sonst ansehnlichen Weste der deutschen und der eigenen Geschichte kleben. Der Wunsch war groß, einfach da wieder anzuknüpfen, wo man 1933 irgendwie den Faden verloren hatte.

Dabei wollte der „Bruderrat“ nicht mitmachen. Er wollte einen wirklichen Neuanfang. Den kann es nur geben, wenn man Schuld bekennt und umkehrt. „Wir sind in die Irre gegangen“, hieß es darum unmissverständlich. Und man benannte Irrwege der Kirche und der Gesellschaft, die schon lange vor 1933 beschritten wurden: Nationalismus und Militarismus, die unselige Verbindung von „Thron und Altar“ und damit die ungut konservative Haltung, die das Recht auf Revolution verneint, aber die Entwicklung zur Diktatur bejaht hat. Populistisch spaltendes Freund-Feind-Denken und die reflexartige Verteuflung sozialistischer und kommunistischer Gedanken, in denen man die berechtigte und drängende Frage nach sozialer Gerechtigkeit gar nicht erst erkennen wollte.

Kurz nach dem Krieg mahnte man deshalb, nicht in die alten Fahrwasser zurückzukehren und an den alten Fronten weiterzubauen. Die Parole sollte nicht „Christentum und abendländische Kultur“ heißen, sondern „Umkehr zu Gott und Hinkehr zum Nächsten“.

Nur angemerkt: Dass der Antisemitismus nicht auch deutlich als Irrweg bekannt wurde, vermisst man heute schmerzlich.

Was mich am „Darmstädter Wort“ noch immer fasziniert, ist der Mut, Fehler beim Namen zu nennen, auch wenn sie ans Eingemachte gehen und nicht nur „Schönheitsfehler“ sind. „In die Irre zu gehen“, gehört wohl zu unserem Leben. Es zu bekennen und umzukehren, ist kein Makel und keine Schande, sondern gibt verlorene Würde zurück und zeugt davon, dass man die Versöhnung der Welt mit Gott in Jesus ernst nimmt – denn sie macht doch Umkehr möglich und befreit davon, wie irre Richtung Abgrund laufen zu müssen.

Ich frage mich, auf welchen Irrwegen meine Kirche und ich mit ihr unterwegs bin? Suchen wir noch krampfhaft unsere Pfründe zu sichern und buhlen darum, von einer Gesellschaft für „systemrelevant“ gehalten zu werden, weil das unsere „Existenz“ sichern würde, oder geht es uns um „Umkehr zu Gott und Hinkehr zum Nächsten“?

Wo gehen wir als Land in die Irre? Haben wir die soziale Frage wirklich als die entscheidende gesellschaftliche Friedensfrage wahrgenommen? Gerade in den nächsten Monaten wird es sich wohl zeigen.

Haben wir kapiert, dass ein Wirtschaften, das unseren unmäßigen Energie- und Rohstoffhunger stillt und andere Völker krepieren lässt, ein Irrweg ist und wir echte Umkehr brauchen?

Mir scheint, wir sind kurz davor, es zu begreifen – aber wir winden uns noch, ob es irgendwie billiger geht als mit einem aufrichtigen Schuldbekenntnis und echter Umkehr.

Unsere Kinder und Enkelkinder haben ein Recht darauf, dass wir diese Fragen beantworten und ihnen ein Vorbild geben, dass Umkehr keine Niederlage ist, sondern Leben rettet.