Was glauben Sie denn? Einer für alle, alle für einen

Mit Bekennermut leugne ich nicht: Ich bin ein Rot-Weisser. Das ist in Wuppertal mit dem hiesigen WSV als sportlichem Rivalen des RWE natürlich nicht ohne Gefahr für einen möglichen Sympathieverlust.

 Dr. Werner Kleine - Freisteller

Dr. Werner Kleine - Freisteller

Foto: Christoph Schönbach

Als gebürtiger Essener, der als Kind im Elternhaus den Torjubel von der Hafenstraße hören konnte, ist man da einfach frühkindlich geprägt. Willi „Ente“ Lippens, Horst Hrubesch und Günter „Meister“ Pröpper sind die Helden meiner Kindheit. Günter „Meister“ Pröpper war ja ein Rot-Weisser, bevor er zum WSV wechselte. Zur Legende wurde er hier in Wuppertal nicht zuletzt wegen der vier Tore, die er damals, kurz nachdem er zum WSV wechselte, am 31.10.1971 beim 5:0-Sieg gegen Rot-Weiss Essen beisteuerte. Im Elternhaus war kein Torjubel zu hören. Zuerst von den Essenern wegen des Wechsels zum Rivalen ausgepfiffen applaudierte ihm dann aber bei seiner Auswechslung selbst die eingefleischten Fans in der legendären Westkurve des Georg-Melches-Stadions stehend. Respekt, wem Respekt gebührt! Was glauben Sie denn?

Der Fußball hat sich seitdem verändert. Damals hatten beide Vereine den Aufstieg in die Bundesliga noch vor sich. Mittlerweile spielen beide seit Jahren in der Regionalliga – und sind dort weiterhin Rivalen. In meiner Wahlheimat Wuppertal wohne ich wieder in Torjubel-Hörweite des Stadions. Wenn freilich die Essener nach Wuppertal kommen, ist das nicht immer Anlass zu freudig erregter Hochstimmung. Manch einer scheint zu vergessen, dass Fußball ein Spiel ist, bei dem es um Freude und Begeisterung, nicht aber um Leib und Leben geht. Die Konkurrenz belebt ja das Geschäft. Die Rivalität gehört dazu. Wenn keiner gewinnen wollte, wäre das Spiel langweilig. Echte Fans bringen erst die richtige Atmosphäre ins Stadion, aber bitte mit Sprechchören und nicht mit Handgreiflichkeiten. Wenn sich zum Schluss, wie damals am 31. Oktober 1971, auch die Gegner mit respektvollem Applaus erheben, dann nimmt die alte christliche Herausforderung der Feindesliebe auch heute noch auf wundersame Weise Gestalt an.

Beide Vereine, RWE und der WSV haben ihre glorreichen Zeiten wohl hinter sich. Der Traum vom Aufstieg lebt hier wie dort. Und ja: Der Fußball in der Regionalliga ist dann doch irgendwie ursprünglicher als das Hochglanzprodukt Bundesliga, bei dem manch ein Verein noch eine Malocher-Nostalgie mit echter Liebe vorgibt, obwohl man als Aktiengesellschaft nach Kapitalistenart primär den Anteilseignern verpflichtet ist. Vergoldete Steaks sind da schon Peanuts, während es in den Vereinen der unteren Ligen nur zu Golden Toast reicht.

Kleine Brötchen muss nun auch der WSV backen. Die Existenz des Vereins ist gefährdet. Das geht auch an einem Rot-Weissen, wie ich einer bin, nicht spurlos vorbei. Über welche Niederlagen soll man sich denn zukünftig grämen, über welche Siege sich freuen, wenn der WSV nicht mehr da ist. Da ist ja noch eine andere Kindheitserinnerung: In der Kneipe in der Nähe meines Elternhauses wurde Wicküler-Pils aus Wuppertal ausgeschenkt. Die drei Musketiere zierten die Tafel, auf der Frikadellen und Soleier beworben wurden. Alle für einen, einer für alle! Das gilt jetzt besonders für den WSV! Da klagt man nicht, sondern krempelt mit tanzendem Herzen die Ärmel hoch. Respekt! Bis morgen ist noch Zeit, durch Crowdfunding den WSV zu retten (https://www.fairplaid.org/wuppertalersv). Die signierten Günter-Pröpper-Plakate sind leider schon ausverkauft. Aber jeder Euro zählt. Ehrensache, dass ich als Rot-Weisser da mithelfe! Solidarität ist schließlich eine Tugend der katholischen Soziallehre. Man muss seine Gegner ja nicht unbedingt mögen – sie zu lieben aber ist Christenpflicht!