Wuppertaler Experten kämpfen gegen Leseschwäche bei Schülern

Bildung : „Ein Skandal, dass Ungleiches gleich behandelt wird“

Vielen Schulen fehlen die Ressourcen, um auf Leseschwierigkeiten von Schülern einzugehen.

Laut IGLU-Studie haben rund 20 Prozent der Viertklässler Defizite im Bereich der Lesekompetenz – eine Schwierigkeit, die sich ohne gezielte Förderung auf ihre gesamte schulische Laufbahn auswirkt. Jetzt diskutierten Experten aus Schule, Politik und Wissenschaft unter der Moderation des SPD-Landtagsabgeordneten Andreas Bialas diese Problematik in der Börse: Franziska Schwabe von der TU Dortmund, Dorothee Kleinherbers-Boden, Leiterin der Gesamtschule Else Lasker-Schüler, Julia Abel, Leiterin des Fachbereichs Literatur und Sprache an der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid, und Sozialdezernent Stefan Kühn.

Sprache ist nicht nur Voraussetzung für Schulbildung und Beruf, sondern auch für gesellschaftliche Teilhabe. Für den rezeptiv-schriftlichen Bereich – das Lesen – sei allerdings neben dem reinen Entziffern der Buchstaben auch der Verständnisaufbau für das Gelesene von Bedeutung, betonte Schwabe. Diese Kompetenzen zu vermitteln, sei nicht nur Aufgabe des Deutschunterrichts, da sie auch in allen anderen Fächern gefordert seien. Einige Kinder benötigten mehr Zeit und Übung für Automatisierungsprozesse und vor allem mehrsprachige Kinder eine spezifische Wortschatzförderung. „Was wir dafür bräuchten, sind mehr Lehrer“, konstatierte Kleinherbers-Boden.

Die Kita ist die erste Bildungsinstitution im Leben

Problematisch ist vor allem, dass die Gegebenheiten im Unterricht je nach Schulform und Quartier sehr unterschiedlich ausfallen, Schulen mit größerem Bedarf allerdings nicht unbedingt mehr Ressourcen zur Verfügung stehen – das weiß auch die Schulleiterin der „Else“, die sich bezüglich der Verteilung von Mitteln für den Sozialindex aussprach: „80 Prozent unserer Schüler sprechen zu Hause kein Deutsch.“ Dadurch sei wesentlich mehr Personal gefordert als in anderen Stadtteilen. „Es ist ein Skandal, dass Ungleiches gleich behandelt wird“, bekräftigte Kühn diese Problematik.

Schwabe betonte, man müsse davon wegkommen, sich in Sachen Lesekompetenz zwischen Eltern, Grundschulen und weiterführenden Schulformen „gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben“. Abel plädierte für eine stärkere Zusammenarbeit mit außerschulischen Akteuren wie Bibliotheken und Buchhandlungen. Während sie vorschlug, Spezialisten in die Schulen zu schicken, um die Lehrkräfte zu unterstützen, würde Kleinherbers-Boden jedoch lieber das eigene Kollegium geschult wissen.

Die Basis muss allerdings schon früh gelegt werden: „Die erste Bildungsinstitution ist die Kita“, erinnerte Kühn. Die mindestens 1000 fehlenden Kita-Plätze in Wuppertal seien nicht nur eine Katastrophe für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern vor allem für die Kinder, die zu Hause keine ausreichende Förderung in diesem Bereich erhalten. „Und da müssen wir ansetzen.“

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