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Wuppertaler diskutieren über die wachsende Armut

Wuppertaler diskutieren über die wachsende Armut

Etwa 160 Menschen waren in die Räume der Bergischen Uni. gekommen.

Wuppertal. Frau Hildebrand (59), die ihren Vornamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, ist mit einem sehr persönlichen Interesse gekommen. „Bisher habe ich mich als gut situierter Mittelstand gefühlt“, erzählt sie. Inzwischen sehe sie sich jedoch als „armutsgefährdet“. Vor ihrer Rente hat sie vor allem dann Angst, wenn die Mietpreise weiter steigen: „Dann könnte ich mir eventuell meine eigene Wohnung nicht mehr leisten.“

Die Sonderschulpädagogin ist nur ein Beispiel für ein Problem, das sich in Deutschland verschärft: Armut. Um dieses Thema drehte sich eine Konferenz im Hörsaalzentrum der Bergischen Universität am Campus Freudenberg. Federführender Veranstalter war die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS), die der Partei Die Linke nahesteht. „Die nützliche Armut“ — so lautete der Titel der Konferenz.

„Die Armut ist kein Betriebsunfall, die wird gebraucht“, behauptete Mitorganisator Karl-Heinz Heinemann, Vorstandsvorsitzender der RLS in Nordrhein-Westfalen, das provokante Motto. Armut sei politisch gewollt und als Bedrohung ständig präsent und vor allem für junge Menschen, Freiberufler und Angestellte bei Zeitarbeitsfirmen ein Problem.

Mehr als 160 Menschen waren gekommen, um sich bei Workshops und Vorträgen zu informieren und mitzudiskutieren. Darunter sind Studenten genauso wie Vertreter von Wohlfahrtsverbänden. Etwa ein Drittel der Teilnehmer sei selbst von Armut betroffen, schätzte Mitorganisatorin Melanie Stitz.

„Hier ist es gelungen, die Akteure zusammenzubekommen“, sagte sie. Torsten Flanhardt (46) war aus Krefeld angereist. Er bezieht seit sieben Jahren Hartz IV. Dass er sich politisch engagiert, kommentierte er mit dem Satz: „Es geht nicht anders.“ Gerne möchte er wieder Arbeit finden, aber die Fortbildungsmaßnahme würde ihm die Arbeitsagentur verweigern. Erst am Vortag hatte er eine Diskussion zum Thema im Landtag besucht.

Hans Kemper (72), ehrenamtlich engagierter Wuppertaler, findet, dass die Teilnehmer das Interessanteste an der Konferenz sind. „Hier wären nie so viele Menschen, wenn das Thema nicht aktuell wäre“, sagte er. Bei den verschiedenen Programmpunkten geht es um die mediale Darstellung von Armut in der Öffentlichkeit genauso wie um ihre wissenschaftliche Erfassung.

Aber auch konkrete Projekte zur Armutsbekämpfung sind Thema. Stefan Selke, Soziologieprofessor aus Furtwangen, sprach beispielsweise über die Tafeln, also die Einrichtungen, die Essen an Bedürftige weiterverteilen. Er wirft dem Staat vor, öffentliche Aufgaben auf Ehrenamtliche abzuschieben. So sei aus einer Notlösung eine Dauerlösung geworden. Selkes Kritik lässt sich wohl auf viele Gesellschaftsbereiche anwenden (Kasten oben). Sein Fazit: „Es ist einfacher, öffentliche Sympathie für rituelle Armutslinderung zu bekommen, als politische Legitimität für nachhaltige Armutsbekämpfung.“