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Wuppertaler berichtet über Kalifornien: „Einige Studenten haben gar kein Zuhause mehr“

Wuppertaler Weltweit : „Einige Studenten haben gar kein Zuhause mehr“

Der Wuppertaler Nicholas Goedeking unterrichtet in Kalifornien, wo die Menschen in der Corona-Krise wirtschaftlich ins Bodenlose fallen.

Um 1 Uhr nachts schaltet Nicholas Goedeking seinen Rechner ein. Das Online-Seminar für seine Schüler im fernen Kalifornien beginnt. Der 30-Jährige promoviert an der Universität in Berkeley und unterrichtet derzeit von Frankfurt aus übers Internet. Rund 15 Studenten der Umweltwissenschaften loggen sich ein – es waren einmal 30 pro Kurs. „Ich habe zu vielen Studenten den Kontakt verloren“, sagt Goedeking besorgt. In Kalifornien ist die Lage in der Corona-Pandemie chaotisch und wirtschaftlich brechen für viele Menschen in den USA ganz schwere Zeiten an.

Die Uni will derzeit den Campus räumen und die Studenten aus den Wohnheimen ausziehen lassen. Doch Goedeking blickt darauf mit Sorge: „Einige Studenten haben gar kein zu Hause mehr.“ Kein Kündigungsschutz, ein zweifelhaftes Gesundheitssystem, Krankenversicherungen, die unmittelbar an die Arbeitsstelle geknüpft ist – viele Amerikaner stürzen in der Coronakrise ins Bodenlose.

Rückblick: Vor zwei Wochen hat Nicholas Goedeking, Sohn des Wuppertaler Architekten Hans Christoph Goedeking, noch seinen Lebensmittelpunkt in Berkeley. Dort hat er seinen Job, seine Wohnung und sein Bankkonto. „Dann habe ich mir die Infektionskurven des Coronavirus angesehen und wusste: Wenn ich hier noch raus will, dann muss das eher früher als später sein.“

Innerhalb von einer Woche brach er alle Zelte in Berkeley ab und buchte einen Flug nach Frankfurt. Der Uni-Dozent befürchtete, dass er sonst vielleicht seine Frau, die in Berlin lebt, eventuell über Monate nicht wiedersehen könnte.

Am Freitag, 27. März, stand der 30-Jährige mit einer Schutzmaske vor dem Gesicht am völlig leeren Flughafen in San Francisco. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Goedeking. Seine „Flucht“ aus den USA war gerade noch rechtzeitig. Am nächsten Tag gab es den vorerst letzten Direktflug von San Francisco nach Frankfurt.

Eine Einreise ohne
irgendeine Überprüfung

Der elfstündige Flug sei schlimm gewesen. „Das war sehr beklemmend. Eigentlich will man ja keinen Kontakt haben und dann sitzt man über lange Zeit in einem überfüllten Flugzeug fest.“ Alle Fluggäste seien unter immensem Stress gewesen.

Goedeking war klar, dass ihn als Reisender aus einem Risikogebiet in Deutschland irgendeine Art von Quarantäne erwarten würde. „Wir wussten aber im Flugzeug alle nicht, was auf uns zukommt“, schildert er die Situation. Erst habe es eine Ansage gegeben, dass alle Passagiere ein Formular auszufüllen hätten. Später sei das korrigiert worden: Den Reisenden sollte stattdessen Fieber gemessen werden. Nach der Landung durften die Menschen dann nur in Kleingruppen das Flugzeug verlassen, so dass der Prozess mehr als eine Stunde dauerte. Als Goedeking dann endlich als einer der letzten den gespenstisch leeren Frankfurter Flughafen betreten durfte, passierte zu seiner Verwunderung – nichts. „Die medizinische Infrastruktur war da. Aber uns hat niemand angesprochen. Wir konnten einfach gehen.“

Auf eigene Initiative sitzt Nicholas Goedeking nun in einer Wohnung in Frankfurt in Quarantäne. Ein glücklicher Zufall für ihn, dass ein alter Bekannter aus Wuppertaler ihm die Wohnung überlassen konnte. Dieser hatte sich selbst in seiner ehemaligen Heimat nach einem Südtirol-Urlaub in Quarantäne begeben. Seine Frau will Goedeking erst dann besuchen, wenn die 14-Tages-Frist beendet ist. Sie lebt in einer WG.

Nun sitzt der Akademiker regelmäßig in Videokonferenzen mit seinen Studenten und blickt nicht selten in beunruhigte Gesichter. „Ich habe volles Verständnis, wenn das Lernen in der jetzigen Situation nicht mehr so funktioniert“, sagt Goedeking. Die Uni hingegen wolle das Semester ganz normal durchziehen – digitale Seminare, digitale Prüfungen. Der Doktorant findet das wenig sinnvoll: „In der Praxis wird das nicht funktionieren.“ Schließlich gebe es Studenten, bei denen davon auszugehen ist, dass sie in der jetzigen Situation nicht einmal mehr geregelten Zugang zu einem Internet-PC haben.

Doch die Uni funktioniere da nach einer „knallharten Marktlogik“. Nach dem Motto: Die Show muss weitergehen. Studenten zahlen der UC Berkeley 18 000 Dollar im Semester.

Nicholas Goedeking blickt für die Kalifornier auf eine düstere Zukunft. 2018 hatten große Waldbrände den Staat in Atem gehalten. Umwelt-Experte Goedeking weiß, dass im Frühling eigentlich mit gezielten Waldbränden einer erneuten Katastrophe im Sommer und Herbst vorgesorgt werden sollte. „Doch diese Maßnahmen sind jetzt in der Coronakrise eingestellt worden“, berichtet er. 2018 hatte der Wuppertaler in Berkeley schon mal im Ausnahmezustand unterrichtet. Damals legte das hiesige Energieunternehmen mit strategischen Strom-Ausfällen den Staat gezwungenermaßen lahm. Goedeking hofft nun, dass der Bundesstaat in diesem Jahr nicht zwei Katastrophen gleichzeitig zu verkraften hat.