Wuppertal: Wenn Wohnungen lebensgefährlich sind

Wuppertal : Wenn Wohnungen lebensgefährlich sind

Jedes Jahr müssen in Wuppertal rund 100 Menschen aus ihren vier Wänden geholt werden, weil ihre Wohnungen nicht mehr sicher sind. Dabei geht es auch um abenteuerliche Behausungen, die auf dem Papier gar nicht existieren.

Die Wohnung ist für die meisten Menschen der ultimative geschützte Raum. Umso traumatischer kann es für diejenigen sein, die plötzlich die eigenen vier Wände innerhalb von Stunden verlassen müssen. Das kommt in Wuppertal immer mal wieder vor: Die Stadt verzeichnet 50 bis 60 jährliche „Nutzungsuntersagungen“ im Zusammenhang mit mangelnden Rettungswegen – bedeutet rund 100 betroffene Menschen. Und darin sind noch nicht die seltenen Fälle eingerechnet, in denen ein Haus von heute auf morgen unbewohnbar wird. Etwa nach einem Brand oder wie im aktuellen Fall an der Beyeröhde durch plötzliche Hohlräume unter dem Gebäude.

Ressortleiter Jochen Braun, in Wuppertal zuständig für Bauen und Wohnen, ist auch für die Einhaltung der Bauordnung verantwortlich. Seine Mitarbeiter müssen Bürger oft schnellstmöglich aus gefährlichen Wohnumständen befreien – auch gegen ihren Willen. Das muss nicht immer so spektakulär sein wie zuletzt an der Beyeröhde.

Wenn Menschen
in der Tiefgarage wohnen

Da gibt es, so Braun, in Wuppertal etwa immer wieder einmal Fälle, in denen Menschen in Wohnungen leben, die auf dem Papier gar nicht existieren. Vermieter kommen auf kreative Ideen und lassen Menschen in ehemalige Trockenräume unterm Dach ziehen. „Das passiert auch aus Unwissenheit“, sagt Braun. In anderen Fällen muss davon ausgegangen werden, dass die Vermieter durchaus ahnen dürften, dass sie gegen Gesetze verstoßen. Wie in einem anderen realen Fall aus dem Tal, bei dem Menschen in einem Abstellraum im Bereich einer Tiefgarage lebten. Meistens müssen die Betroffenen zügig aus solchen „Wohnungen“ geholt werden, weil sie gegen Brandschutzgesetze verstoßen. „Sobald wir von einer solchen Situation wissen, muss es schnell gehen“, schildert Braun.

So war das etwa Ende März. Bei einer Routine-Prüfung stellte die Feuerwehr fest, dass eine Pflege-WG für Senioren an der Straße Fischertal, offenbar die Spielregeln für den Brandschutz auf gefährliche Weise missachtet hat. Der Anbieter hatte nach Angaben der Stadt zehn pflegebedürftige Senioren an einer Adresse untergebracht, die offiziell als normale Wohnung gemeldet war. Doch für eine Alteneinrichtung dieser Art benötigt es zwei bauliche Rettungswege.

Die Alternative zum Treppenhaus wäre jedoch im Brandfall für die bettlägrigen Bewohner nur der Weg über den Balkon gewesen. Sofort setzte sich bei der Stadt eine größere Maschinerie in Gang. Bei Jochen Braun klingelte unentwegt das Telefon. Er und sein Team mussten die Senioren innerhalb von Stunden auf andere Einrichtungen umverteilen, teilweise auch außerhalb des Wuppertaler Stadtgebiets.

Die Mieter sind das eine. Stellt das Gebäude für den öffentlichen Raum eine Gefahr da, etwa weil der Einsturz droht, wird die Stadt ebenfalls tätig und verpflichtet den Eigentümer zur Ausbesserung. Das gestaltet sich manchmal schwierig, wie Braun berichtet. „Es gibt Immobilien in Wuppertal, da sind die Eigentümer für uns gar nicht erreichbar.“

Im Extremfall zieht die Stadt relativ schnell die Notbremse und reißt selbst ab – und bleibt im schlimmsten Fall auf den Kosten sitzen. So passierte es beispielsweise Ende 2017, als zwei Schrottimmobilien an der Krumme Straße in Langerfeld abgerissen werden mussten, weil sie einzustürzen drohten. Derzeit gibt es im Stadtgebiet 45 Schrottimmobilien in einem baulich desolaten Zustand, 54 Problemimmobilien mit erkennbaren baulichen Mängeln und 18 weitere Gebäude, die derzeit auf ihren Zustand hin überprüft werden.

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