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Stadtgeschichte: Wuppertal war „das neue Jerusalem“ der Nachhaltigkeit

Stadtgeschichte : Wuppertal war „das neue Jerusalem“ der Nachhaltigkeit

Eine schottische Zeitung pries 1995 Wuppertal als Vorreiter einer grünen Bewegung an.

Nachhaltigkeit ist heute ein großes Thema. So sehr, dass man denken muss, vorher sei gar nichts passiert in der Beziehung. Dabei zieht sich das Thema schon einige Zeit. Und Wuppertal stand in der Außenwahrnehmung nicht einmal schlecht da. Vor 25 Jahren schaffte es die Stadt in die internationale Presse mit ihren Bemühungen.

Harald Bayer (Grüne), damaliger Umweltdezernent war auf einer Nachhaltigkeitstagung im schottischen Dunfermline, nördlich von Edinburgh, und stellte vor, was die Stadt bis dahin beschlossen und umgesetzt hatte. Mit überragender Presse-Reaktion. „The Scotsman“ nannte Wuppertal das „neue Jerusalem“ für Umweltfreunde. Eine Stadt, die umsetze, was „grüne Gurus“ predigten.

Bayer hat den Artikel jetzt der WZ geschickt. Damals habe er den hinterm Berg gehalten. Er sagt, er habe nicht gewollt, dass das in der Stadt dazu führe, dass weitere Fortschritte gebremst würden. „Ich dachte, da prügelt man gleich auf uns ein, dass wir schon zu viel machen, dass noch mehr nicht nötig wäre“, sagt er. Aus seiner Sicht war man aber nicht weit genug, nicht so weit, dass Wuppertal das „Utopia“ ist, dass der „Scotsman“ im Titel des Textes erwähnt.

Das politische und öffentliche Klima sei damals bei Umweltthemen gespalten gewesen, erinnert er sich. Viele Maßnahmen seien heiß diskutiert worden. Selbst seine Position sei ein Politikum gewesen. Denn er kam 1989 als erster Umweltdezernent in die Stadt. Die Grünen haben das Amt durchgesetzt. „Ich war so etwas wie ein Fremdkörper“, erinnert er sich.

Die Stadt müsse Vorbild für
die Öffentlichkeit sein

Bayer, der auf Vermittlung des Wuppertal Instituts in Schottland war, stellte Maßnahmen in Bezug auf Luft, Wasser, Müllvermeidung oder Rohstoffverbrauch vor. Er stellte heraus, dass die Stadt immer Vorbild für die Öffentlichkeit sein und daher vorangehen müsse.

Themen, die er damals angesprochen hat, sind bis heute aktuell: Dass Stadtmitarbeiter lieber ÖPNV als Autos nutzen sollen bei Dienstfahrten, dass die Stadt Recyclingpapier eingeführt hat (damals mehr als 90 Prozent, heute übrigens 92 Prozent - wobei Verwaltungsvorlagen heute nicht mehr gedruckt werden), dass die Glühbirnen durch Energiesparlampen ausgetauscht wurden und dass der ÖPNV gestärkt wurde.

Im Text der Zeitung steht schon damals, dass das private Auto als größter Luftverschmutzer gilt. Schon damals waren die Stickoxid-Werte zu hoch – „in den City-Bereichen liegen wir heute bei etwa 60 Mikrogramm“, schrieb Bayer damals. Heute liegen die Werte im Schnitt bei 45 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Der EU-Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm.

Damals hat man die Parkraumbewirtschaftung eingeführt. Bayer sagt, die heutigen Pläne von zwei Euro die Stunde für einen City-Parkplatz, die Ausweitung der Zeiten – das hätte man damals nicht durchsetzen können. Verkehrsthemen seien „eine heilige Kuh“ gewesen, die kaum hätte angerührt werden können.

Damals habe man eine Ausstellung des BUND nach Wuppertal geholt: „Albtraum Auto“, erinnert sich Bayer. Und das habe zu einer „Aktuellen Stunde“ im Rat geführt – die Politik hätte sich aufgeregt, wie man so eine Ausstellung hier zeigen könnte, wenn Wuppertal doch so von der Autoindustrie abhänge. Ein Affront.

Dafür sollte der ÖPNV gestärkt werden – wie heute noch. Die Zahl der ÖPNV-Nutzer wurde von 1990 bis 1994 um 42 Prozent gesteigert – von 65 Millionen auf 87 Millionen. Zuletzt hatten die Stadtwerke 87,7 Millionen Kunden. Es hat sich also nicht mehr viel getan in der Bilanz – auch wenn damals 400 000 Einwohner in der Stadt lebten.

Bis heute sind das Themen, die stark diskutiert werden. Für Bayer ging es damals darum, Wuppertal lebenswert zu machen, sagt er. Er habe mit den Altlasten der Industriegeschichte zu tun gehabt. Heute ist der Nachhaltigkeitsgedanke eher dem Klimawandel geschuldet. „Den Klimawandel hatten wir damals schon im Blick“, sagt er zwar. Aber heute sei das viel drängender. „Das hätte man sich nicht vorstellen können, dass wir die Auswirkungen noch erleben würden“, sagt er aus Sicht von 1995.