Wuppertal verliert an Kaufkraft

327 Millionen Euro fließen ab : Wuppertal verliert an Kaufkraft

Einzelhandel: Stadt wird dem Anspruch an ein Oberzentrum nicht gerecht. 327 Millionen Euro fließen ab.

Die Stadt Wuppertal ist das Oberzentrum des Bergischen Landes. In Bezug auf die Bedeutung des stationären Einzelhandels wird sie diesem Anspruch allerdings nicht gerecht. Die Strahlkraft Wuppertals reicht nicht einmal aus, um die Kaufkraft ihrer Einwohner zu binden. Pro Jahr fließen 327 Millionen Euro an Kaufkraft aus Wuppertal ab. 2015 landeten 291 Millionen Euro in fremden Ladenkassen. Das Bevölkerungswachstum und die wachsende Zahl sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter werden den Abwärtstrend nicht stoppen können.

 Ein Oberzentrum zeichnet sich in der Regel dadurch aus, dass durch den Einzelhandel mehr umgesetzt wird als an Kaufkraft vor Ort vorhanden ist. Die Kaufkraft der Wuppertaler beträgt 2,1 Milliarden Euro. 2019 erzielten 1722 Betriebe auf einer Verkaufsfläche von 463 965 Quadratmetern einen Bruttoumsatz von rund 1,8 Milliarden Euro. Im Wettbewerb mit den umliegenden Mittel- und Oberzentren steht Wuppertal als Verlierer da.

Die Daten stammen aus der Fortschreibung des Einzelhandels- und Zentrenkonzeptes, das von der Gesellschaft für Markt und Absatzforschung mbH in Zusammenarbeit mit lokalen Experten erstellt worden ist. Auf 194 Seiten wird der Handelsstandort Wuppertal im Detail analysiert und es werden Handlungsempfehlungen gegeben.

Auf den ersten Blick hat sich der Handel in Wuppertal im Beobachtungszeitraum 2014 bis 2018 positiv entwickelt. Beim Einzelhandelsumsatz legte die Stadt um 18 Prozent zu, bei der Fläche um 7,3 Prozent. Dass der Zuwachs höher als im Bundesschnitt liegt, ist aber im wesentlichen auf die Ansiedlung von Ikea und Primark sowie die Erweiterung von Lebensmittelmärkten zurückzuführen. Dagegen hat die Einkaufsstadt an Vielfalt eingebüßt. Während 2014 noch 1883 Betriebe vorhanden waren, ging diese Zahl auf 1722 Betriebe zurück. Besonders die Anzahl der Fachgeschäfte ist rückläufig.

Über den Neumarkt wird seit Jahren diskutiert

Ralf Engel, Geschäftsführer des Rheinischen Einzelhandelsverbandes in Wuppertal, spricht von einer besorgniserregenden Entwicklung. „Als das Gutachten zur Zentralität den Mitgliedern des Steuerungskreises Einzelhandel vorgelegt wurde, war das Entsetzen groß. Wuppertal muss als Oberzentrum alles tun, um seiner Rolle gerecht zu werden“, sagt Engel. Die Stadt müsse die Planung und Umsetzung der Qualitätsoffensive Innenstadt beschleunigen. Über die Neugestaltung des Neumarktes werde seit Jahren diskutiert. „Investitionen der Händler können nicht umgesetzt werden, weil es die Stadt nicht schafft, Planungen abzuschließen.“ Das gelte auch für die Ansiedlung eines XXL-Möbelmarktes in Barmen. Engel erinnert an die Bedeutung der weichen Standortfaktoren für die Attraktivität der Innenstädte. Das Pina-Bausch-Tanzzentrum und das Von der Heydt-Museum dürften nicht durch Missmanagement und Prozesshanselei beschädigt werden. Nicht nachvollziehbar sei, dass sich die Stadt beim Thema Verkaufsoffene Sonntage vor einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft Verdi drücke. „Die Stadt gibt klein bei, und das mit dem Hinweis auf drohende Gerichtskosten. Das ist ein Witz angesichts der juristischen Auseinandersetzungen um Adolphe Binder“, sagt Engel.

Rolf Volmerig, Vorstand der Wuppertaler Wirtschaftsförderung, sieht ebenfalls Handlungsbedarf - unabhängig von dem wachsenden Druck durch den Online-Handel. „Die Aufenthaltsqualität muss gestärkt werden“, sagt Volmerig. Flächenpotenziale für den Handel sieht er vor allem in der Rathaus-Galerie und an der Aue. Allerdings sei die Entwicklungsdynamik in den Bereichen Elektronik und Textil sehr schwach. „Das letzte Unternehmen, das im Textilbereich expandiert, ist Primark. Und Primark haben wir schon“, sagt Volmerig.

Für die Wirtschaftsförderung stelle sich mehr denn je die Aufgabe, Neugründungen und Nischenangebote intensiv zu begleiten, damit die „Gründungs- und Überlebensquote“ steige. Lohnend für die Stadt könne das Gründerpotenzial der Bergischen Universität sein.

Während Ralf Engel vom Einzelhandelsverband die Ausweitung von Gastronomiebetrieben in den Fußgängerzonen auch skeptisch betrachtet, sieht Volmerig darin vor allem eine Chance. „Essen und Trinken ist das Einkaufen des 21. Jahrhunderts. Wir müssen Frequenz in die Innenstadt bekommen“, so Volmerig.

Daria Stottrop von der Bergischen Industrie- und Handelskammer sieht große Probleme auf den stationären Einzelhandel wegen fehlender Interessenten bei der Geschäftsnachfolge zukommen. Sie empfiehlt der Stadt, einen zentralen Ansprechpartner beziehungsweise Lotsen für den Einzelhandel zu schaffen, über den die Kommunikation in die Fachabteilungen der Verwaltung läuft. Bei Planungsvorhaben sollte die Stadt die Händler direkt informieren und nicht allein über die Interessengemeinschaften. „Sicherheits- und Sauberkeitskonzepte sind wichtig für die Attraktivität des Standorts“, sagt Daria Stottrop und nennt einen Punkt, der auch bei Ralf Engel auf der Wunschliste steht.