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Wuppertal:Umsturz in Elberfeld und Barmen

Geschichte : Der friedliche Umsturz in Elberfeld und Barmen

„Die Matrosen sind da...“: Reiner Rhefus über die Revolution 1928/19.

Seitdem am 3. November die Matrosen in Kiel meuterten und für die Freilassung ihrer inhaftierten Kameraden demonstrierten, breitete sich die Revolution wie ein Lauffeuer zunächst an der deutschen Küste, dann in anderen Zentren des Reiches aus.

Am 7. November wurden die Städte Hannover, Braunschweig, Frankfurt/Main, Köln und München erfasst. In Bayern wurde die Monarchie gestürzt und die Republik ausgerufen. Für diesen Tag war in Sonnborn, im großen Saal des Lokal Schwaferts, eine Versammlung der kriegskritischen USPD mit dem Reichstagsabgeordneten Wilhelm Dittmann angekündigt. Doch Dittmann kam nicht. Als Mitglied der zentralen Parteileitung war er durch die Ereignisse an der Küste in Berlin gebunden. Die überfüllte Versammlung, auf der vor allem die Arbeiter von Rüstungs- und Chemiefabriken am Elberfelder Westende erschienen waren, verabschiedete dennoch eine Resolution. Man forderte die sofortige Einführung der demokratischen Republik. (…) denn sie sei „das wirksamste Mittel, dem Weltkriege ein Ende zu setzen und uns das Vertrauen der Völker wieder zu gewinnen, um das uns eine heillose Militär- und Bureaukratenwirtschaft gebracht hat.“ Die demokratische Republik werde „den Weg frei zu machen für eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung die der Ausbeutung und Bedrückung des Menschen durch den Menschen ein Ende macht.“

An diesem 7. November wurde in Russland der erste Jahrestag der Revolution gefeiert. In Moskau enthüllte Lenin auf dem Platz gegenüber dem Bolschoi Theater und dem Hotel „Metropol“, dem der Sitz Revolutionsregierung, ein Denkmal für Karl Marx und Friedrich Engels, die Vordenker der sozialistischen Arbeiterbewegung. Erstmals wurde Friedrich Engels, der Fabrikantensohn und Revolutionär aus Barmen, mit einem Denkmal in einer Metropole Europas geehrt. Die russische Revolution, die Frieden, Land und Brot für das einfache Volk und die Herrschaft der Arbeiter über die Fabriken versprach, und über die in den zensierten Zeitungen in Deutschland nur Greulgeschichten zu lesen waren, fand nun auch in Deutschland immer mehr Anhänger.

Am Vormittag des nächsten Tages erschienen auf dem Bahnhofsvorplatz von Elberfeld fast unbemerkt etwa 100 Matrosen, die aus Köln angereist waren. Albert Norden, der damals 14-jährige Oberschüler und Sohn des Elberfelder Rabbiners Josef Norden (1870–1943), berichtet in seinen Lebenserinnerungen: „Es verbreitete sich am frühen Morgen mit Windeseile das Gerücht in der Stadt: ‚Die Matrosen sind da‘. Wir liefen zum Bahnhof. Tatsächlich, da kampierten auf dem Vorplatz einige Dutzend Matrosen, Gewehre umgehängt, mit doppelten Patronengürteln über der Brust. Sie erzählten der Menge, die sie umdrängte, von der Erhebung der Flotte gegen den Krieg und dem Sieg der Revolution in Kiel.“

Kleine Trupps der Matrosen zogen durch die Cafés und Hotels um den Bahnhofsvorplatz und suchten nach Offizieren, die für sie die alte Macht verkörperten. Sie nahmen Ihnen die Waffen ab und entfernten ihre Achselstücke und Rangabzeichen. Damit brachten sie zum Ausdruck, dass die Offiziere nun ihre Befehlsgewalt verloren hatten. Schließlich wurden am Bahnhof, an der Döppersberger Brücke und am Rathaus Militärposten mit Maschinengewehren aufgestellt. In der Menschenmenge wurde die „Internationale“ angestimmt. Nachmittags formierte sich dann ein (…) Zug, dessen Spitze die Matrosen mit einer roten Fahne bildeten. Zunächst zog man zum Rathaus am Neumarkt, wo ein Soldat und ein Arbeiter Ansprachen auf der Rathaustreppe hielten und die Republik proklamierten. Dann ging es weiter zum Gefängnis Bendahl, wo man Kriegsgegner und Militärangehörige, die meist wegen geringfügiger Vergehen zu Haftstrafen verurteilt worden waren, aus der Haft befreiten wollte. Die Wachmannschaft öffnete zögerlich und ohne bewaffnete Gegenwehr das Gefängnistor.

Auch in Barmen waren an diesem Vormittag Soldaten aus Köln vor dem Bahnhof erschienen, die wie in Elberfeld, den Offizieren die Waffen und Rangabzeichen abnahmen. Nachmittags fand im großen Saal der Gaststätte „Olympia“ eine Soldatenversammlung mit etwa 1000 Militärangehörigen statt. In dem Saal war schon August Bebel, der legendäre Führer der SPD, bei Wahlkämpfen aufgetreten. Nun sprachen die Redner davon, dass „der Tag gekommen sei, auf den die Sozialdemokratie seit Jahrzehnten gewartet habe.“ Man forderte die Soldaten dazu auf, Ruhe und strenge Disziplin zu bewahren und wählte durch Handaufheben einen provisorischen Soldatenrat. Ihm wurde die dringliche Aufgabe übertragen, die Kontrolle über die städtische Militärbehörde, das „Bezirkskommando“, zu übernehmen, das seinen Sitz in der Barmer Ludwigstraße (heute Helgoländer Straße) hatte.

Von der Barmer „Olympia“ zogen die Versammelten über die Allee nach Elberfeld, wo im „Volkshaus“ am Hombüchel, dem Parteilokal der Sozialdemokarten, eine weitere Soldatenversammlung abgehalten wurde. Nachdem auch für Elberfeld ein Soldatenrat gegründet worden war, zog man „mit Gesang zum Rathausvorplatz. Den Soldaten wurde mitgeteilt, dass sie nicht mehr dem Befehl des Bezirkskommandos unterständen sondern dem Soldatenrat, dem sie sich in freiwilliger Disziplin unterwerfen sollten. Gestellungsbefehlen sei keine Folge mehr zu leisten.“

An diesem Abend fand auf dem Zirkusplatz in Barmen die Eröffnungsveranstaltung des Zirkus Carl Hagenbeck statt. Die Zeitungen warben mit dem wohlgepflegten Tierpark und den weltberühmten Raubtiergruppen, die der Zirkus trotz der schweren Zeit darbieten konnte. „Die Schauspielerin Tilli Bebé führt nicht weniger als 12 Eisbären durch die Manege und lässt sie eine drollige Fahrt über die Rutschbahn machen.“ Königs- und bengalischer Tiger, eine Elefantengruppe, eine Seiltanzgruppen und „eine aus 14 Personen bestehende Sudannegertruppe“ standen auf dem Programm.

Zur gleichen Zeit berieten die Soldatenräte der beiden Städte mit Vertretern  der beiden zerstrittenen Parteiorganisationen, der SPD und ihrer Abspaltung, der USPD, sowie Vertretern der Gewerkschaften über das weitere Vorgehen und die Bildung eines gemeinsamen neuen Machtorgans. Man einigte sich auf eine Besetzung nach einem ausgewogenen Proporz. (8 SPD, 8 USPD, 8 Gewerkschaften, 16 Vertreter des Soldatenrats). Dies signalisierte Gemeinsamkeit und Wille zur Einigung; eine Haltung, die die Stadt Elberfeld von ihren Nachbarstädten, etwa Düsseldorf, Remscheid und Essen, unterschied. Im Jahr 1918 wurde in den Stadträten von Elberfeld und Barmen eine sehr kontroverse Debatte über eine mögliche Städtevereinigung geführt. Das nun entstandene neue Gremium, der Arbeiter- und Soldatenrat für Elberfeld und Barmen, wurde dann lange vor der tatsächlichen Vereinigung im Jahr 1929 das erste gemeinsame Administrativorgang für die beiden Schwesterstädte im Wuppertal.

 Der alte Sozialdemokrat Otto Ibanetz, nun in der USPD, wurde zum ersten Vorsitzenden des Arbeiter-und Soldatenrates gewählt. Man verabschiedete einen gemeinsamen Aufruf und die dringlichsten Aufgaben und Forderungen der Revolution, die am nächsten Tag öffentlich proklamiert werden sollten.

 Dazu gehörten: Das gleiche Wahlrecht ohne Unterschied des Geschlechts, die Freilassung der politischen Gefangenen, die Schaffung des „freien Volksstaates“, die Demokratisierung der preußischen Verwaltung, die Ablösung des Regierungspräsidenten und der Landräte durch Personen aus Arbeiter- und Bürgerkreisen, die Einführung des Achtstunden-Arbeitstags, der Kampf gegen den Schleichhandel und ein Steuersystem, in dem höhere Vermögen und Einkommen progressiv besteuert werden.

Doch zugleich mussten die dringlichsten Bedürfnisse, die Lebensmittelversorgung, Sicherheit und die Verhinderung von Plünderungen gewährleistet werden. Am nächsten Tag, dem 9. November, sollte zum Zeichen der Machtübernahme und des Anbrechens einer neuen Zeit ab 9 Uhr die Arbeit ruhen. Die Bevölkerung wurde zum Mittag in die beiden Stadthallen in Barmen und in Elberfeld zu großen Volksversammlungen geladen.

Noch in der Nacht wurde das militärische Bezirkskommando, die örtliche Vertretung des Generalkommandos und somit das wichtigste Machtzentrum des Militärs in den Städten Elberfeld und Barmen, von Soldaten besetzt. Die Offiziere erklärten sich bereit, ihre Geschäfte unter der Aufsicht des Soldatenrates fortzuführen. Patrouillen des Soldatenrats besetzten in der Nacht noch die Post- und Bahnhofsgebäude.

 Die Vorgänge in Elberfeld und Barmen waren zu dieser Zeit noch nicht selbstverständlich. In Berlin war die Machtfrage noch nicht entschieden. Die notwendige Unterstützung der Bevölkerung sollte durch die Volksversammlungen am nächsten Tag bezeugen werden.