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Wuppertal: Plötzlich Schulleiterin in Helsinki

Wuppertaler Lehrerin : Plötzlich Schulleiterin in Helsinki

Annette Carl, stellvertretende Schulleiterin des Gymnasiums am Kothen, zieht es nach Finnland. Sie übernimmt dort die Leutung der deutschen Schule. Es ist nicht ihr erster Auslandsaufenthalt.

Die Nachricht kam ziemlich überraschend: Vor drei Wochen erhielt Annette Carl einen Anruf aus Helsinki, dass sie nach den Sommerferien dort die Leitung der deutschen Schule übernehmen soll. Also muss sie jetzt gut überlegen, welche Dinge sie in den ersten Wochen in Finnland benötigt. Dann geht es mit Beginn der Sommerferien im Wohnmobil Richtung Norden.

Für den Auslandsaufenthalt beworben hat sich die stellvertretende Schulleiterin des Gymnasiums am Kothen schon vor langer Zeit. Ihre Töchter studieren inzwischen, ihr Ehemann kann als Freiberufler  überall arbeiten – eine gute Zeit für einen Auslandsaufenthalt. Da die Familie früher schon zwei Jahre in Texas und ein Jahr in New York verbracht und die Zeit sehr genossen hatte, wuchs jetzt das Fernweh.

Also durchlief die Lehrerin ein umfangreiches Bewerbungsverfahren, danach hörte sie lange Zeit nichts mehr. Dann lud sie die Schule in Helsinki zum Kennenlernen ein. „Ich war total begeistert – eine tolle Schule mit einem tollen Team“, schwärmt Annette Carl. Jeder Lehrer habe in der Schule seinen eigenen Arbeitsplatz, Schüler und Lehrer einen eigenen Schul-Laptop.

Für die Instandhaltung der Geräte sei extra jemand angestellt. Außerdem gebe es für die 660 Schüler neben der Direktorin noch eine Verwaltungskraft, zwei Sekretärinnen, einen Diplompsychologen, drei Förderschulkräfte und einen Hausmeister. Ein Teil der Lehrer habe deutsche Verträge, die anderen finnische. „Die finnischen Lehrer haben weniger Stunden, müssen aber dafür jede Woche fünf Stunden konferieren“, berichtet Annette Carl. Das fördert die Teamarbeit. Ihr Vertrag läuft erst einmal bis 2026 und kann dann noch einmal für zwei Jahre verlängert werden.

In der Schule sollen sich deutsche und finnische Kultur begegnen. So haben die Kinder Unterricht auf Deutsch und auf Finnisch. „Manche Familien sind schon in der dritten oder vierten Generation an der Schule“, erzählt Annette Carl. Von einem Kind etwa hörte sie, dessen Großvater während des Zweiten Weltkriegs in Finnland stationiert war und sich dort in eine Finnin verliebt hatte. Seitdem gehen alle Kinder der Familie auf die deutsche Schule. Auch bei Staatsbesuchen aus Deutschland ist die Schule regelmäßiger Programmpunkt. Zur Aufgabe der Schulleiterin gehören also auch Repräsentationspflichten.

Bislang nur lächelnde Menschen kennengelernt

Vor ihrer Einladung kannte Annette Carl Finnland überhaupt nicht. Aber sie wusste: Finnland liegt auf dem Glücklichkeitsindex auf Platz 1 und hat weltweit den höchsten Kaffeekonsum. „Ich habe dort bisher nur freundliche, lächelnde Menschen kennen gelernt“, erzählt sie. Die großartige Natur mache die Menschen dort gelassener. Einer ihrer neuen Kollegen hat ihr auch schon Artikel über den Unterschied zwischen Deutschen und Finnen geschickt: Antworte etwa ein Finne nicht auf eine Mail, drückt das sein Einverständnis aus. Die Architektur zeige auch einen deutlich sichtbaren russischen Einfluss, erzählt Annette Carl. Wegen der langen Polarnacht seien ganz viele Bereiche des öffentlichen Lebens beleuchtet – etwa Langlaufloipen. Einer der liebsten Treffpunkte der Finnen sei die öffentliche Bibliothek. Dort könne man auch Nähmaschinen ausleihen oder im Elektronik-Labor arbeiten.

Das Vorbereitungsseminar für den Auslandsaufenthalt musste dieses Jahr online stattfinden. Doch auch anschließend werden die neuen Lehrer im Ausland nicht allein gelassen: Jeder hat einen Tandem-Partner in einem anderen Land für den kontinuierlichen Austausch. Einmal im Jahr treffen sich dann alle deutschen Schulleiter irgendwo in Europa.