Wuppertal ohne Schwebebahn - So schlimm ist der Berufsverkehr jetzt

Verkehr : Wuppertal ohne Schwebebahn - So schlimm ist der Berufsverkehr jetzt

Wie schlimm ist der Berufsverkehr, wenn die Schwebebahn nicht fährt? Unser Autor reihte sich ein.

Kleeblatt – das klingt ja eigentlich nach Glück. Nun, im Berufsverkehr ist auf dem Wuppertaler Kleeblatt davon nicht viel zu sehen. Es ist 15.57 Uhr und wir biegen von der Südstraße ins Unglück. Heute führt uns der Weg von dieser Kreuzung zum neuen Parkhaus am Döppersberg. Das sind 1,4 Kilometer Strecke. Das Navigationsgerät rechnet konservativ mit sechs Minuten Fahrtzeit. Schließlich ist es ja im Berufsverkehr voll auf den Straßen. Doch ob das Navi auch weiß, dass in Wuppertal die Schwebebahn aktuell nicht fährt? Rechnet das kleine Gerät mit dem Ersatzverkehr, der sich nicht mehr schwebend durch das Tal bewegt, sondern sich in Form von Bussen in die Blechlawinen reiht? Das wird sich zeigen.

Wir rollen in Schrittgeschwindigkeit auf die erste Ampel an der Kreuzung Weststraße zu. Im Auto spielt das Lied „Let’s ride“ als wir langsam zum Stehen kommen. Die Ampel wird grün. Doch rund 30 Bremslichter leuchten weiter rot. Die Ampelphasen kommen und gehen, nur der Verkehr fließt nicht mehr ab – der Rückstau von der Bahnhofstraße ist schuld. Ein Radfahrer mit Pudelmütze schießt an den wartenden Autos vorbei. Wir sehen zwar nur den Hinterkopf, aber wenn er nur ein bisschen Schadenfreude in sich hat, dann lächelt er.

Grün. Rot. Grün. Rot. Wir starren ins Auto vor uns. Dort sitzt – das verrät das Kennzeichen – eine Remscheiderin mit Lockenkopf. Ob sie auch gerade ins leere Auto flucht? Doch ihr Frust entlädt sich anders. Als sich auf der linken Spur eine Lücke ergibt, reißt sie spontan an ihrem Lenkrad und schießt aus der Lücke. Das können wir auch. Nur führt das dazu, dass wir jetzt auf der linken Spur rollen und nicht mehr auf die Rechtsabbiegerspur kommen. Die Abstände zwischen den Autos sind winziger als die Zündschnur der Fahrer. Da hilft nur eins: Ganz vorsichtig mit der Front des Autos in eine Lücke vorstoßen und entschuldigend die Hand heben.

Die Motorhaube vor dem Bus,
der Kofferraum auf dem Überweg

Vor uns steht jetzt der Lkw eines privaten Entsorgungsunternehmens quer auf der Straße, weil der Fahrer sich entschlossen hat, zu wenden. Das nehmen die Hintermänner mit nahezu buddhistischer Gelassenheit zur Kenntnis. Bis zu dem Moment als der Fahrer sein Gefährt mit dem Hinterreifen über den Bordstein einer Verkehrsinsel steuert, betätigt niemand die Hupe. Nicht schlecht.

Endlich ist unser Wagen bis zur Kreuzung Bahnhofstraße gekrochen. Es ist jetzt 16.08 Uhr und wir sind noch gefühlt am Start. Die Ampel wird grün, doch die Kreuzung ist nicht passierbar, weil sich auf der Bahnhofstraße Autos an Autos reihen. Es gibt keine Lücke. Wir stehen also zwangsweise so, wie es nicht sein soll: mitten auf der Kreuzung mit der Motorhaube vor einem Linienbus und dem Kofferraum auf dem Fußgängerüberweg. Dort bekommt jetzt eine Gruppe von rund 20 Menschen mit Reisekoffern Grün, die zügig um die stehenden Autos schwärmen. Für indische Verhältnisse fehlen jetzt nur noch die Nutztiere auf der Straße.

Ein Autofahrer hat Erbarmen und lässt uns hinein. Bahnhofstraße – wir haben den nächsten Teil des Staus erreicht. Instinktiv sind wir auf den riesigen Bus vor uns sauer, der so behäbig durch den Verkehr rollt. Dann aber führen wir uns vor Augen, dass wahrscheinlich dutzende Menschen in ihm sitzen, die im schlimmsten Fall dutzende Autos bedeuten würden. Wo sollen die noch stehen? Danke, Bus.

Endlich sind wir auf der B7. Auf vier von fünf Spuren staut sich der Verkehr. Die gute Nachricht: Die Rechtsabbiegerspur ist frei. Die schlechte Nachricht: Sie beginnt erst unter der Geschäftsbrücke und bis dahin bewegen wir uns noch mit Schrittgeschwindigkeit auf der Mittelspur. Als wir dann endlich wieder Gas geben können (30 km/h) ist das eine Entspannung für den Fuß.

Der Radfahrer mit der Pudelmütze ist sicherlich schon zu Hause, wir sind am Bahnhof. Es ist 16.19 Uhr. Das waren also 1,4 Kilometer Strecke in 22 Minuten. Damit bewegte sich unser Auto mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 3,82 Stundenkilometern fort – langsamer als Schrittgeschwindigkeit.

Wir haben die Nase voll. Doch Taxifahrer Vartan Mesmskoscian muss jetzt noch ein paar Mal in die Blechlawine. Nach Barmen brauche er jetzt doppelt so lange wie normal. „Es gibt auch keine guten Ausweichmöglichkeiten. Pest oder Cholera“, sagt er. Sein Kollege Saeid Fatahi berichtet von der Baustelle am Cinemaxx, die zu weiterem Rückstau führe. Mesmskoscian gibt uns ein knackiges Fazit: „Der Stau ist ein riesiges Problem.“

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