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Wuppertal: Offen gesagt

Offen gesagt : Noch 353 Tage 2019

Bayer baut ab, Vorwerk auch, der Bergische HC verkrümelt sich langsam nach Düsseldorf, dem WSV ist wieder einmal das Geld durch die Finger geronnen, und der Chef der Stadtwerke zieht es vor, künftig im Bundeswirtschaftsministerium zu wirken.

Es scheint so, als sollte das neue Jahr weitergehen, wie das alte aufgehört hat. Eine schlechte Nachricht jagt die andere. Wuppertal hat eine Pechsträhne, die einfach kein Ende nehmen will. Das ist misslich in einer Zeit, in der allenthalben von Veränderung, Erneuerung und Herausforderung die Rede ist. Denn in ihrem aktuellen Zustand kippt die Stadt im Gegenwind um, den der erste Schmetterling des Frühlings erzeugt, in dem er vornehm hüstelt. Das sind keine guten Aussichten für 2019. Aber es ist ja noch genug Jahr übrig, um aus der Zwölf-Monats-Phase letztlich noch einen Erfolg zu machen. Dazu allerdings müssten sich ein paar Leute in Wuppertal zusammenreißen. Sie sitzen allesamt dauerhaft oder regelmäßig im Rathaus. Aufgaben gibt es genug.

Da wäre zum Beispiel eine Dienstfahrt des Oberbürgermeisters mit dem Stadtdirektor und ein paar Fraktionschefs im Stadtrat offen. Das Ziel ist Leverkusen, wo sich die Chefs des Bayer-Konzerns sicher nicht auf die Frage freuen, was sie denn für Wuppertal zu tun gedenken, nachdem sie sich mit einer horrenden Fehlinvestition blamiert haben. Jahrzehntelang haben Verwaltung und Rat alles nur Mögliche getan, damit Bayer mit Produkten und Erfindungen aus Elberfeld und Aprath Milliarden von Euro umsetzen und Millionen von Euro verdienen konnte. Bayer nutzte dafür Menschen, die auf Wuppertaler Schulen gelernt haben und die auf Wuppertaler Straßen zur Arbeit gekommen sind, sei es mit dem Auto oder mit Bus und Schwebebahn, die ebenfalls von der Stadt beziehungsweise den Stadtwerken bereitgestellt werden. Da ist die Frage erlaubt, ob die Quittung dafür der Abbau von 750 Stellen und jahrelang kein Cent Gewerbesteuer sein darf. Die Antwort lautet nein, und die Wuppertaler Delegation sollte sie übermitteln, so lange sich die Bayer-Bosse wenigstens noch ein bisschen schämen.

Wenn noch Platz im Auto ist, können Mucke und Co. noch den IHK-Präsidenten Thomas Meyer einladen. Dann geht es über Düsseldorf nach Berlin, damit sich nicht wiederholt, was viel zu lange gängige Praxis in Deutschland gewesen ist. Kurz vor Weihnachten haben sich in Bottrop Spitzenpolitiker von Bund und Land mit einer Reihe handverlesener Bergleute getroffen, um sich gegenseitig mal wieder so richtig ins Revers zu heulen. Es ging um die letzte Schicht in der Zeche Prosper Haniel, es ging um das Ende der Steinkohleförderung in Nordrhein-Westfalen. Das kam freilich nicht plötzlich. Dass die Zeit der Kohle zu Ende gehen würde, ist seit Jahren kein Geheimnis mehr. Ebenso wenig überraschend ist allerdings auch der Reflex, mit dem diese Entwicklung verbunden ist. Selbstverständlich wird der Strukturwandel im Ruhrgebiet mit Milliarden-Förderungen aus Berlin und Düsseldorf abgefedert. Das war schließlich immer schon so.

So viel geldwerte Zuneigung hätte sich bestimmt auch das Bergische Land gewünscht, als die Textilindustrie vor 60 Jahren begann, in die Knie zu gehen. Anscheinend aber wohnen Solingen, Remscheid und Wuppertal nicht genügend Menschen, also Wähler, auf dass Bundes- und Ministerpräsidenten sich zum spendablen Weinen beispielsweise mit den Garnbleichern von Heckinghausen am Wupperufer träfen.

Es ist das Schicksal des Städtedreiecks, dass es weder Rheinland noch Ruhrgebiet ist. Es ist ein wunderschönes Fleckchen Erde dazwischen, eine Region, die in der Vergangenheit von allen Regierungen im Bund und im Land weitestgehend links liegen gelassen wurde. Deshalb ist es höchste Zeit, auf sich aufmerksam zu machen. Oberbürgermeister, Stadtdirektoren, Ratsleute und IHK-Präsidenten sind Lobbyisten für die Menschen, von denen sie gewählt und bezahlt werden. Wenn die entscheidenden Damen und Herren in Wuppertal das endlich einmal verinnerlichen, dann können die noch 353 Tage 2019 noch richtig gute Tage für Wuppertal und die Region werden. Wenn schon im Rathaus bis zur nächsten Kommunalwahl nicht mehr viel funktioniert, dann vielleicht auf den Fluren von Bundes- und Landtag.