Wuppertal: Musikschule erinnert an Reichspogromnacht

Bergische Musikschule : Tamar Beifuß erzählt ihre Überlebensgeschichte

In der Bergischen Musikschule erinnerten junge Musiker an die Pogromnacht 1938.

Sehr eindringlich gestaltete Roswitha Dasch in der Bergischen Musikschule im Rahmen von Klezcolours eine Gedenkveranstaltung, bei der jeder Platz belegt war. „Jeder hat eine Stimme, die er zum rechten Zeitpunkt auch erheben kann!“, mahnte Dasch.

Tamar Dreifuß war angereist, um aus ihrer Kindheit unter den Nazis zu erzählen. Sie wuchs in Wilna/Vilnius in Litauen auf. „Als Hitler kam, war ich gerade drei Jahre alt“, sagte Tamar Dreifuß. Sie fand Unterschlupf bei einer zum Christentum übergetretenen Tante, während sich ihre Eltern im Kloster versteckten.

Als das kleine Kind sich anderthalb Jahre später versehentlich an einen Nazi verriet, zogen die Eltern gemeinsam mit ihr ins Ghetto. „Die Leute dort gehen hungrig, blass und gebeugt“, erinnerte sich die alte Dame. Einige Zeit später mussten ihre Mutter und sie in einen Viehwagon steigen, der sie an einen Ort brachte, „wo es nur Zäune und Baracken gab“. Die blonde Mutter, die schon während der Reise mehrere Fluchtversuche gemacht hatte, ergriff mutig die letzte Chance: Vor dem Duschraum griff sie sich aus dem Kleiderhaufen ein schickes Kostüm und ein hübsches Kleid für die Tochter, zog sich an und marschierte mit gehobenem Kopf an den Wachleuten vorbei. Tatsächlich konnten die beiden entkommen und gaben sich anschließend auf Gutshöfen als Russen aus. Einmal versteckten sie sich sogar zwei Tage lang in der Hundehütte eines Wachhundes vor den Nazis. Dann schließlich kamen die russischen Soldaten, Mutter und Tochter konnten aus ihrem Versteck herauskommen. Als sie nach Wilna zurückkehrten, fanden sie nur noch Schutt und Asche vor. Der Vater und viele Verwandte waren ermordet worden.

Die Young Strings spielten dazu die Melodie von „Schindlers Liste“ mit Hannah Werwath und Fera Bergmann als Solistinnen. Dass sie auch singen können, zeigten die Mädchen des Kinderorchesters mit jiddischen Liedern wie „A jiddische Mame“ oder „Dona, dona“, begleitet von den Jungen an ihren Geigen und Rosi Dasch mal am Klavier, mal an der Gitarre. Alexandra Petkou sang mit klarer Stimme auch solo. André Enthöfer sorgte dazu an der Klarinette für jiddischen Schmelz. Nach begeistertem Beifall strömten die Zuhörer sofort zum Büchertisch, um die beiden Bücher von Tamar Beifuß und ihrer Mutter zu kaufen.

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