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Wuppertal: Mirke und Ottenbruch

Stadtgeschichte : Die Rettung der Bahnhöfe

Am Bahnhof Ottenbruch wurde Rechtsgeschichte geschrieben. Darüber verfasste Joachim Frielingsdorf 1990 ein Buch.

Briller Viertel. „Denkmalpflege macht selbst vor Bahnhöfen und Brücken nicht halt.“ Mit diesem Satz aus der WZ vom 29. März 1984 beginnt das Buch von Joachim Frielingsdorf. Damit berichtete die WZ davon, dass der Bahnhof Ottenbruch unter Denkmalschutz gestellt worden war. Entschieden hatte das das Bundesverwaltungsgericht in einem Präzedenzfall. „Der kleine Bahnhof Ottenbruch hat damals Rechtsgeschichte geschrieben“, erklärt Joachim Frielingsdorf.

Er ist heute Sprecher der Energie Agentur NRW mit Sitz im Teijin-Hochhaus. Als er das Buch Ende der 1980er Jahre als Staatsexamen schrieb, war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bergischen Universität. Das Buch von 1990 trägt den Titel „Ottenbruch und Mirke. Zur Geschichte der Rheinischen Eisenbahnstrecke des Wuppertals“ und ist im Born-Verlag erschienen.

In dem Fall ging es damals darum, dass die Deutsche Bundesbahn vor allem die Kosten für die Pflege alter Bahnhöfe in ihrem Besitz als Argument sah, diese abzureißen. Im Fall der Bahnhöfe Mirke und Ottenbruch wurden schon Ende der 1970er/Anfang der 1980er Holzverzierungen und Bahnsteigüberdachungen abgebaut, bevor die Bezirksregierung einschreiten konnte. Es war eine Frage der Zuständigkeit. Denn Denkmalschutz war — und ist — Ländersache. Die Bahn als Bundesbehörde hat diese Zuständigkeit nicht akzeptiert. Bis das Gericht — erst in Münster, dann in der nächsten Instanz in Berlin — urteilte, dass das Landesrecht auch auf Eigentum des Bundes angewendet werden muss.

Bis dahin herrschte Rechtsunsicherheit. In NRW waren bis dato deswegen nur 18 Bundesgebäude unter Denkmalschutz gestellt worden. Dabei waren die Zeiten der Modernisierung auf Kosten der historischen Substanz schon vorbei — wie etwa das Beispiel Nordstadtsanierung schon Mitte der 1970er gezeigt hatte (siehe WZ vom 12. Mai 2018). Zuvor hatte man erheblich an historischer Bausubstanz verloren. „In den 50er und 60er wurde mehr kaputt gemacht als im Zweiten Weltkrieg“, sagt Frielingsdorf.

Das Urteil hat mutmaßlich alle Bahnhöfe entlang der heutigen Nordbahntrasse gerettet — auch wenn die Bahnhöfe trotzdem lange Jahre nicht in Schuss gehalten wurden. Heute sind sie Anziehungspunkte auf der Fahrradroute durch die Stadt und mitverantwortlich für deren Erfolg.

Am Mirker Bahnhof ist bekanntlich seit Jahren die Utopiastadt dabei, den Bahnhof wie das Gelände drumherum aufzuwerten und zu nutzen. Stichwort: Utopiastadt Campus. Am Bahnhof Ottenbruch wird derzeit gearbeitet. Vor und hinter dem Gebäude sind Bauschutt-Container zu sehen, aus dem ersten Stock hängt eine Schuttrutsche. Der Besitzer hat angekündigt, dass ein neuer Gastronom dort einziehen soll — frühestens aber 2019, nach beendeter Sanierung. Zuvor hatte Jette Müller den Bahnhof jahrelang bewirtschaftet, war aber Ende 2017 in den Ruhestand gegangen.

Frielingsdorf schrieb generell über die Bahnhofsarchitektur an der Rheinischen Eisenbahnstrecke — und „wusste selbst nicht, was ich da geschrieben habe, bis mein Professor ganz elektrisiert war.“ Der gab die Arbeit an den Bergischen Geschichtsverein, der sie als Buch herausgab. Frielingsdorf hatte nämlich bei der Aufarbeitung der Geschichte der Bahnhöfe an der Strecke die Pläne des Architekten gefunden, der den Bahnhof Mirke zu einem repräsentativen Bahnhofshotel nach Vorbild des Londoner Bahnhofs der South Eastern Railway machen wollte. Die Pläne konnte Eberhard Wulff wegen massiven Gegenwinds und darauf folgender Sparmaßnahmen nicht umsetzen. Er konnte sie aber in ein Buch retten, dass Frielingsdorf bei seiner Recherche wiederentdeckte.

Frielingsdorf, der selbst an der Trasse wohnt, ist glücklich, dass allles so gekommen ist, wie es gekommen ist. Früher habe er Gäste in den Garten geladen — heute lädt er sie erstmal zu einer Radtour über die Nordbahntrasse ein, erzählt er. Er habe nach seiner Arbeit an dem Thema alles zu den Bahnhöfen und der Nordbahntrasse mit Spannung verfolgt. Was vor allem die Wuppertal Bewegung da durchgesetzt und erreicht habe, nötige ihm schon Respekt ab, sagt er.