Wuppertal: Leben auf der Straße, ohne dass die Kinder etwas wissen

Armut in Wuppertal : Leben auf der Straße, ohne dass die Kinder etwas wissen

Vera Kutscher ist 30 Jahre alt und obdachlos. Sie lebt seit zwei Jahren in Wuppertal auf der Straße. Im Winter seien die Menschen netter zu ihr, sagt sie.

Sie sitzt am Wall auf allem, was sie besitzt. Einem Rucksack und einem Schlafsack. Eingehüllt in eine rot-karierte Decke, eine blaue Plüschdecke um die Schultern gehangen. Vera Kutscher (Name von der Redaktion geändert) ist obdachlos, sitzt bei der Kälte, bei dem Regen draußen vor einem Kiosk und versucht, nicht nass zu werden.

Sie sagt, sie sei 30 Jahre alt. Sie komme aus dem Westerwald, vom Land, und eigentlich wolle sie da auch wieder hin. Zurück. Aufs Land. In ein normales Leben.

Kutscher lebe seit 2017 auf der Straße. In Wuppertal. Sie sei nach dem Tod ihrer Mutter in ein Loch gefallen, habe den Halt ihrer Familie vermisst. Und dann einen neuen Mann kennengelernt, der aus Wuppertal kam. „Aber er kam aus der falschen Szene“, deutet sie an. Und der Weg habe dann auf die Straße geführt.

Die Menschen werden herzlicher, wenn es kälter wird

Kutscher habe zwei Kinder, 7 und 8 Jahre alt, die bei ihrem Ex-Mann, im Westerwald wohnten. Manchmal kontaktiere sie ihn, dann komme er mit den Kindern, gebe ihr Geld, damit sie Eis essen können – oder sie gingen auf die Hardt. Sie fühle sich dann schuldig. Sie möchte nicht, dass ihre Kinder von ihrer Obdachlosigkeit wissen, dass sie denken, sie seien mitverantwortlich für Mamas Situation. „Kinder sind so, die geben sich selbst die Schuld“, sagt sie. Auch ihretwegen will Kutscher zurück in das normale Leben, mit Wohnung und Job.

Aber das sei schwer. „Wenn man einmal OFW auf dem Ausweis stehen hat, ist man nichts mehr in der Gesellschaft“. OFW. Ohne festen Wohnsitz. Eine Wohnung bekomme sie jetzt nur noch, wenn ein Bekannter oder Verwandter ihr eine Meldeadresse gebe, damit sie sich nicht als Obdachlose um eine Wohnung kümmern müsse. Bisher hat sie aber keine.

Aber es scheitert nicht nur daran. Ihr fehle auch das Geld. Und die Dokumente. Der Personalausweis sei geklaut worden. Wie fast alles andere auch. Es sei schwer an neue Dokumente zu kommen. Sozialarbeiter hätten sich ihrer angenommen, sagt sie. Wollen neue Dokumente mit ihr besorgen.

Dass auf der Straße geklaut werde, sei Alltag. „Du hast hier keine Freunde“, sagt sie. Deswegen könne sie auch nicht mehr besitzen, als sie bei sich tragen könne. Deswegen schlafe sie auch ungern in den Notschlafstellen. Lieber auf der Straße. Oder in einem Parkhaus, in dem sie geduldet werde. „Nie ruhig, immer mit einem Auge offen“, sagt sie. Vertrauen habe sie nicht.

Auf der anderen Seite passiere auch Gutes auf der Straße – Menschen, die Essen und Trinken spenden, die mit ihr Reden, die ihr Geld geben. „Geld hilft, aber ein Gespräch hilft mir mehr. Um mich wieder als Mensch zu sehen, als Teil der Gesellschaft.“

Besonders zu Weihnachten seien die Menschen offener, herzlicher. Das ist der Widerspruch der Zeit. Je kälter es wird, desto herzlicher die Menschen. Alles, was sie gerade um sich habe, die Decken, die Jacke, habe sie von Passanten. „Wenn man nett ist, kommen die Leute auch wieder zu einem“, sagt sie.

Kutscher versucht generell positiv zu bleiben. Bei allem, was sie Schlimmes erzählt, bleibt sie dabei, dass das Leben auf der Straße auch etwas Gutes habe: Vorher sei das warme Bett, das warme Wasser, die warme Wohnung so selbstverständlich gewesen. Jetzt sei es schon Luxus, auch einmal warm zu duschen. Sie wisse das sehr zu schätzen.

Und sie habe eben die Hoffnung, dass der Luxus wieder normal werde. Wenn sie in ihre Heimat zurückkehre. Vielleicht bei ihrem Vater einziehe. Und wieder arbeiten gehe - schließlich sei sie gelernte Verkäuferin. Das möchte sie gerne wieder machen.