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Wuppertal hat zu wenige Kinderärzte

Gesundheit : Wuppertal hat zu wenige Kinderärzte

Eltern haben Schwierigkeiten, einen Facharzt für ihr Kind zu finden. Die Kinderarztpraxen können weitere Patienten nur schwer verkraften.

„Es gibt in Wuppertal einen Kinderärztemangel.“ Das sagt eine, die es wissen muss.  Susanne Bellenbaum praktiziert seit 18 Jahren als Kinderärztin in Uellendahl. Die Medizinerin tauscht sich regelmäßig mit ihren Kollegen aus und weiß, dass es in deren Praxen nicht anders aussieht als bei ihr: volle Wartezimmer, besonders während im Erkältungszeit. Pro Tag stehen dann schon mal 120 Kinder im Behandlungszimmer. „Gerade mit Kindern ist es wichtig, Geduld zu haben“, sagt Bellenbaum. Das gehe nur, wenn man auch Zeit habe. Die braucht sie, um sich ein Bild von den kleinen Patienten zu machen. Das ist im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen wichtig, den sogenannten U-Untersuchungen.

Allein für einen Termin müssten die Patienten im Durchschnitt drei Monate warten. „Die Untersuchung dauert mit Befragungen und Untersuchungen etwa eine Stunde“, sagt Bellenbaum. Mehr als sechs bis sieben schaffe sie in einer Vormittagssprechstunde nicht. Die Kinderärzte in Wuppertal stehen in engem Kontakt. Untereinander haben sie vereinbart, dass Neugeborene und Zugezogene an den nächsten Kinderarzt verwiesen werden, berichtet Detlef Richter, der seine Praxis am Berliner Platz in Oberbarmen hat. „Wechselpatienten werden nicht genommen“, sagt Susanne Bellenbaum. Die Gleichung ist aus Sicht der Ärztin einfach: je mehr Patienten, desto mehr Vorsorgeuntersuchungen stehen an.

Die Vorsorgeuntersuchungen sind aber nur ein Grund, warum Kinderärzte in Wuppertal eine hohe Nachfrage haben. „Es gibt mehr Kinder“, sagt Edwin Ackermann, Pressesprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein (BVKJ), der eine Praxis in Tönisvorst hat und aus eigner Erfahrung berichtet. Zudem haben die sozial-pädiatrischen Probleme wie die sprachliche Entwicklung, Verhaltensauffälligkeiten und Konzentrationsstörungen zugenommen. „Die Eltern sind auch unsicherer, weil keine Großeltern vorhanden sind und gehen öfter zum Arzt“, berichtet Ackermann. Zudem stünden Eltern unter einem unglaublichen Druck, weil häufig beide Elternteile arbeiten. „Bei Krankheit führt der erste Weg nicht nach Hause, sondern zum Arzt – um eine Bescheinigung für den Arbeitgeber zu holen“, sagt Ackermann.

Mangel an Kinderärzten entsteht durch Wandel der Gesellschaft

Einen Mangel an Kinderärzten entstehe aber auch durch die Veränderungen in der Gesellschaft: „Früher hat ein Arzt die ganze Zeit gearbeitet, während ihm seine Frau den Rücken freigehalten hat“, sagt Ackermann. Heute hätten viele Frauen selbst einen anspruchsvollen Job. Die junge Generation habe zudem einen anderen Anspruch an die „Work-Life-Balance“. „Viele arbeiten lieber in einem Angestelltenverhältnis als als Unternehmer“, so Ackermann. Selbst eine Praxis zu gründen, sei kein Ziel mehr, auch weil sich die Gehälter der Klinikärzte in den vergangenen 15 Jahren gut entwickelt haben. Er erwartet, dass sich die Situation durch die Überalterung der niedergelassenen Kinderärzte in den kommenden Jahren noch verschärft.

Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) gibt sich in diesem Punkt entspannt: Die Fachgruppe der Kinderärzte mit einem NRW-weiten Altersdurchschnitt mit 52 Jahren sei eine vergleichsweise junge Facharztgruppe. Rechnerisch könne man die pädiatrische Versorgung in Wuppertal formal als gut beziehungsweise als gedeckt bezeichnen, heißt es auf WZ-Anfrage. In keinem Bezirk der KVNO gibt es demnach eine Unterversorgung. Zugleich weist die KVNO aber darauf hin, dass „die Inanspruchnahme der Pädiater hoch ist und sich deren Belastung durch Vorsorgeuntersuchungen und sozialpädiatrische Aufgaben in der Vergangenheit wesentlich erhöht hat.“

Die neue Bedarfsplan-Richtlinie, die Mitte 2019 vom Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossen wurde, sieht vor, die Kinderärzte zu entlasten. Die Verhältniszahlen der Kinder und Jugendlichen pro Kinderärzte in einer Stadt wurden gesenkt. Bei der Berechnung für Kernstädte, zu denen auch Wuppertal zählt, kommen künftig 2043 minderjährige Einwohner auf einen Kinderarzt. Bisher waren es 2405. Für den Bezirk Nordrhein sind durch diese Änderung etwa 30 zusätzliche Kinderarztsitze zu erwarten, davon einige in Wuppertal. Wie viele es werden, konnte Pressesprecher Christoph Schneider aufgrund des laufenden Verfahrens nicht sagen.

Zusätzliche Kinderarztsitze in Wuppertal seien dringend notwendig, denn „die Praxen sind nicht mehr in der Lage, weitere Patienten aufzunehmen“, sagt die Kinderärztin Susanne Bellenbaum. „Wir arbeiten alle gerne, aber es muss noch patientengerecht sein.“