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Wuppertal erinnert mit intensiver Gedenkstunde an die Opfer des Holocaust

Gedenkfeier : Intensives Erinnern an die NS-Opfer

Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge, und Oberbürgermeister Uwe Schneidewind sprachen in einer Online-Veranstaltung über die schrecklichen Verbrechen.

„Über Babyn Jar, da steht keinerlei Denkmal. Ein schroffer Hang – der eine, unbehauene Grabstein.“ Es geht unter die Haut, das Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko, und vermag in Worte zu fassen, was Zahlen kaum erreichen können. 80 Jahre ist es her, dass 33 000 jüdische Menschen an der Schlucht von Babyn Jar nahe Kiew ermordet wurden, innerhalb von zwei Tagen. Deutschlands Nationalsozialisten hatten die Sowjetunion überfallen. Nun, am internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, wurde dieser Überfall von der Begegnungsstätte Alte Synagoge und der Stadt Wuppertal aufgegriffen. In einer gemeinsamen Gedenkstunde wurde erinnert und gesprochen. Zu deren Beginn wurde Jewtuschenkos Gedicht vorgelesen, das die Taten verarbeitet.

Warum das diesjährige Thema gerade der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion und damit verbundene Massaker wie in Babyn Jar sind, erklärt Ulrike Schrader als Leiterin der Begegnungsstätte: Bis vor gut 20 Jahren „liebte man noch die Legende von der sauberen Wehrmacht“, und den Beginn des Holocaust hätte in den Köpfen noch die Wannsee-Konferenz markiert. Heute wisse man, dass der Genozid schon 1941, im Jahr zuvor, mit den kriegerischen Handlungen im Osten seinen Anfang nahm.

Schrader tauschte sich in der Online-Gedenkstunde mit OB Uwe Schneidewind darüber aus, welche Dynamiken mit dem Holocaust verbunden waren und welche Bedeutung er heute hat. Dabei spielte auch Wuppertal eine Rolle – sowohl bei den historischen als auch bei den aktuellen Bezügen. So erzählte Schrader von der jüdischen Gemeinde in Bialystok, die systematisch vernichtet wurde. 800 Juden wurden in die Synagoge gesperrt, die man daraufhin in Brand setzte. Alle anderen gelangten später in Konzentrationslager. Kommandiert hatten das betreffende Polizeibataillon bei dem Massaker unter anderem zwei Wuppertaler, Buchs und Schneider, die nach dem Krieg Abteilungsleiter einer Elberfelder Firma sowie Hauptkommissar wurden. Schrader stellt fest: „Ungeheuerlich, diese Verbrechen, aber auch, wie lange es gedauert hat, bis diese Menschen angeklagt und vor Gericht gestellt wurden.“ Das war 1967.

Schneidewind zieht aus dem Beispiel eine Lehre: „Dieses Erschrecken, festzustellen, dass es Menschen aus der Mitte unserer damaligen Stadtgesellschaft waren“, blieb für ihn haften. Er bemerkt, mit Verweis auf Hannah Arendts „Banalität des Bösen“: „Oft war es nur ein kleiner Schritt aus der Normalität in die Grausamkeit.“ Ein weiteres Wuppertaler Beispiel, allerdings aus anderer Perspektive, bot Schrader anhand einer Frau, die seit 1990 hier lebte und als Mädchen ein solches Massaker in der Ukraine überlebt hatte. Aufgereiht an einer Schlucht, wie in Babyn Jar, sollte sie erschossen werden, als ihr Großvater sie hinunterstieß, bevor er getroffen wurde. Für die Leiterin der Begegnungsstätte ist das ein Zeichen dafür, dass Holocaust-Aufarbeitung über den deutschen Kontext hinaus auf zugewanderte Menschen ausgedehnt werden sollte, weil sich die Morde auch in anderen Ländern ereigneten. Schneidewind unterstreicht anhand der Geschichte: „Zeitzeugenberichte haben eine hohe Bedeutung, weil sie einem das in aller Plastizität verdeutlichen.“

So war die Brücke in die Gegenwart geschlagen, und der Oberbürgermeister plädierte für ein hohes Maß an Empathie. Er mahnte: „Mitmenschlichen Zugang zu anderen können wir nicht als gegeben hinnehmen“; anstelle von Kategorisierungen solle „der Blick auf individuelle Qualitäten“ zählen. Auch Schrader machte auf „komplexe Zusammenhänge“ aufmerksam, die es zu verstehen gelte. Erinnerungskultur spiele eine zentrale Rolle, so schlussfolgerten die beiden; gerade nun, da sie etwa auf Corona-Demos diskreditierend in Anspruch genommen werde.

Zum Abschluss der Gedenkstunde klangen versöhnliche Töne durch die digitale Veranstaltung. Jakob Schatz und Jens-Peter Enk spielten auf Geige und Orgel die jüdische Melodie „Kol Nidre“. Es liegt in unser aller Verantwortung, dass Jewtuschenkos lyrische Gedanken niemals wiederkehren: „Das Schweigen rings schreit.“