Wuppertal: Ein Junge ist Feuer und Flamme für Flieger

Pädagogik : Feuer und Flamme für Flieger

Lieselotte Winnacker-Spitzl erinnert sich an das besondere Interesse eines Schulschwänzers.

Seit einiger Zeit kommt Falk – 12 Jahre alt – nachmittags ins Kinderhaus Luise Winnacker. Nach anfänglich großen Problemen ist es den betreuenden Lehramtsstudenten gelungen, ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufzubauen. Wir erfahren, dass Falk als Baby ausgehungert und verwahrlost aus seiner Familie genommen werden musste und zu einer Pflegemutter kam. Die Grundschule konnten die wachsenden Verhaltensprobleme noch auffangen, im fünften Schuljahr wurde er in eine Sonderschule für Erziehungshilfe ausgesondert. Der Versuch einer Rückkehr in seine Familie endete fatal: Nach vier Wochen setzt diese ihn auf die Straße, er kam in einer Notschlafstelle unter und dann zurück zu seiner Pflegemutter.
Eines Tages erfahre ich von der Klassenlehrerin, dass für Falk ein Heim in Norddeutschland gefunden wurde und er am kommenden Wochenende dorthin fährt. Die Begründung: „Der Junge ist nicht mehr beschulbar und laut psychologischer Betreuung auch nicht therapierbar. Er schwänzt ständig, fährt jeden Tag schwarz nach Düsseldorf zum Flughafen.“ Meine Frage: „Was macht er denn da?“ Ihre Antwort: „Alles, was mit Fliegerei zu tun hat, interessiert ihn offensichtlich.“

Ich bin erschüttert: Ich stelle mir vor, ich werde von heute auf morgen aus meinem gewohnten Umfeld herausgenommen, irgendwohin, wo man nichts und niemanden kennt. Was muss in dem Jungen vorgehen? Wie gehen wir mit Kindern um, die unsere Unterstützung dringend brauchen? Fällt uns nichts anders ein, als sie weiter zu verschieben? Was fällt mir dazu ein?

Ich rufe kurz entschlossen LTU am Flughafen an, erzähle von dem Jungen und frage, ob wir einmal ein Flugzeug von innen ansehen können. Alles muss schnell gehen, weil die Zeit drängt. Mein Gesprächspartner überlegt nicht lang: „Das passt gut, wir haben gerade eine große Maschine im Hangar, die überholt wird.“ Ich rufe die Flugüberwachung an, erzähle die gleiche Geschichte. Zögern: „An sich geht das nicht, aber in dem Fall machen wir mal eine Ausnahme.“ Meine Gesprächspartner haben offensichtlich sehr schnell etwas Wichtiges verstanden und ziehen tatkräftig, unkompliziert, unbürokratisch mit.

Falk erscheint pünktlich. Im Hangar steht die ausgeräumte Maschine. Mit leuchtenden Augen und ganz ernst lässt er sich alles zeigen, stellt Fragen, ist hoch konzentriert und saugt alles auf. Im Empfangsraum der Flugüberwachung hängen für mich rätselhafte Fotos, die er höchst interessiert anschaut. Auf die Frage unseres Betreuers, ob er weiß, was sie darstellen, antwortet er ohne Zögern. Der Mann ist beeindruckt und sagt ernsthaft: „Wenn du fertig bist mit der Schule, komm zu uns! Jungs wie dich brauchen wir!“

Im Tower blickt sich Falk fasziniert und überwältigt von den vielen Radarschirmen um, lässt sich erklären, stellt Fragen. Er berührt uns mit seiner tiefen Ernsthaftigkeit und überrascht die Fachleute mit seinem Wissen. Woher hat er das? „Ich hab’ mir in der Stadtbibliothek Bücher ausgeliehen. Und dann bin ich immer zum Flughafen gefahren und hab’ mir alles angeguckt“, erzählt er mit der größten Selbstverständlichkeit. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie selbstbestimmtes Lernen durch Faszination auch gegen große Widerstände funktioniert. Letztlich weiß ich nicht, was unser Ausflug bei Falk bewirkt hat. Ich weiß auch nicht, was aus ihm geworden ist. Ich habe ihn nie wiedergesehen, denn kurz danach kam er in das Heim in Norddeutschland.

Warum hat unser viel zu starres Bildungssystem keinen Platz für solche Kinder, die trotz ihrer extrem widrigen Lebensumstände genug Kraft, Energie, Einfallsreichtum, Intelligenz und Lernfähigkeit haben? Und was für Persönlichkeiten entgehen damit der Gesellschaft?

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