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Wuppertal: Die kleine Welt des Hermann Enters

Stadtgeschichte : Frühe Idee der Städtevereinigung

Klaus Goebel hielt einen Vortrag beim Bergischen Geschichtsverein.

Barmen und Elberfeld vereint – wer denkt da nicht ans Jahr 1929? Damals schlossen sich die beiden Städte an der Wupper zusammen. Eine kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets machte es möglich.

Was weniger bekannt ist: Die Städtevereinigung hat eine Vorgeschichte, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Mit diesem Thema hat sich Klaus Goebel, ausgewiesener Kenner der Stadtgeschichte, beschäftigt. Seine Forschungsergebnisse trug der Historiker in der Zentralbibliothek an der Kolpingstraße vor. Mit der Veranstaltung setzte der Bergische Geschichtsverein sein Programm nach längerer Corona-Pause fort.

Eine wichtige Quelle für Goebel sind die Handschriften des Wuppertalers Hermann Enters (1846-1940), der in Amerika seine zweite Heimat fand. Dessen Lebenserinnerungen entstanden wenige Jahre vor der offiziellen Vereinigung.

Wenn der Auswanderer auf seine Kindheit und Jugend zurückblickt, spricht er wie selbstverständlich von Barmen und Elberfeld als „einer Stadt“. Auch „Doppelstadt“ sei eine zu Enters‘ Zeit geläufige Bezeichnung gewesen, erklärte Goebel. Die Kommunalpolitik im Wuppertal, ergänzte er, sei zwar bis 1929 getrennt gewesen. Handel und Industrie hätten sich aber umso enger verbunden.

Bei der erneuten Beschäftigung mit dem Memoirenschreiber – Goebel hat ihm bereits ein Buch gewidmet – stieß er auf eine Diskussion, die vor 200 Jahren die Gemüter in der Doppelstadt erhitzte. Zu dieser Zeit gehörten die Protestanten in Unterbarmen kirchenrechtlich noch zu Elberfeld. Einflussreiche Bürger drangen darauf, sich von den reformierten und lutherischen Gemeinden in Elberfeld zu lösen und eine Gemeinde zu gründen – eine „unierte“ Gemeinschaft jenseits der gewohnten Konfessionsgrenzen. „Jetzt sollten ihre Taler endlich in Unterbarmen bleiben und die Wege kürzer werden“, resümierte Goebel die praktischen Gründe.

Angeführt wurde die Initiative von Johann Caspar Engels (1753-1821), dem Großvater des Jubilars Friedrich Engels. Anders als sein Enkel blieb der Textilfabrikant sein Leben lang pietistisch-fromm und unterhielt enge Beziehungen zu führenden Theologen. Mit der Idee einer neuen Kirchengemeinde wandten sich Engels & Co. direkt an den obersten Landesherrn, den preußischen König Friedrich Wilhelm III. Dieser habe „Bürgernähe“ bewiesen, so Goebel, und das Kultusministerium zügig mit der Klärung der Angelegenheit betraut.

Derweil rumorte es in der Elberfelder Stadtverwaltung. Schließlich stand der Verlust von rund 6000 zahlenden Gemeindemitgliedern auf dem Spiel. Also startete der damalige OB Johann Rütger Brüning eine Gegeninitiative – mit dem Vorschlag, Barmen mit Elberfeld zu vereinigen.

Doch sein Ansinnen konnte die Entscheidung nur verzögern. Goebel zitierte aus der Stellungnahme des Regierungspräsidenten, die mit Brüning hart ins Gericht ging. Es müsse den Nachkommen vorbehalten sein, hieß es dort, die benachbarten Städte „eine Stadt zu nennen“. Danach war der Weg frei für die vereinigt-evangelische Gemeinde Unterbarmen. Der Vordenker Engels sollte es allerdings nicht mehr erleben. Er starb, bevor die Gründung 1822 in Kraft trat.

Warum dachte man nach Brüning lange nicht mehr an eine Städtevereinigung? Das war eine Frage, die bei der anschließenden Diskussion nahelag. Als Grund machte Goebel das wirtschaftliche Gefälle zwischen den Nachbarstädten aus. Die selbstbewussten Barmer Bürger hätten kein Interesse daran gehabt, sich mit dem – jedenfalls im 19. Jahrhundert – hochverschuldeten Elberfeld zu verbinden.