Wuppertal: „Die Gucci-Bande gibt es nicht mehr“

Wuppertal : „Die Gucci-Bande gibt es nicht mehr“

Sozialarbeitern gelingt es, Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen aufzunehmen.

Das von der Stadt und der Diakonie ins Leben gerufene Projekt „Mobile Jugendsozialarbeit in Oberbarmen/Wichlinghausen“ trägt Früchte. Koordinatorin Tina Müller und Jugendamtsleiterin Christine Roddewig-Oudnia berichteten am Dienstag in mehreren politischen Gremien, dass es den Sozialarbeitern gelingt, Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen aufzunehmen, die unter anderem unter dem Namen „Gucci-Bande“ bekannt waren und durch Straftaten auffielen. Zuletzt verursachten sie traurige Schlagzeilen, weil zwei von ihnen einen Rentner (70) attackierten und lebensgefährlich verletzten.

Seit Ende 2017 fiel den Behörden die Gruppe auf, über deren Größe unterschiedliche Angaben existieren. Sie reichten von „acht bis 15“ bis zu „35 bis 45“. Auch Mädchen gehörten zu der Gruppe. Die Mitglieder der Gucci-Bande sollen in unterschiedlicher Zusammensetzung Straftaten begangen haben, vor allem Diebstähle, aber auch Körperverletzung. Einzelne hatten bis zu 100 Taten in den Akten, bevor sie strafmündig wurden.

Seit Anfang des Jahres sind zwei Straßensozialarbeiter gezielt auf diese Kinder und Jugendlichen zugegangen, die über andere Hilfsangebote nicht erreichbar waren. Sie suchten sie an ihren Treffpunkten auf, knüpften Kontakte. Bereits vor der folgenschweren Attacke auf den Rentner war es ihnen nach Angaben der Stadt gelungen, zwei bis drei Jugendliche aus der Gruppe zu lösen.

Die Streetworker sind Mitarbeiter der Diakonie, die gemeinsam mit der Stadt Träger des Projekts ist. Tina Müller von der Stadt und Marcus Schulte von der Diakonie koordinieren die Arbeit der Kollegen auf der Straße. Seit 1. September sind es insgesamt drei Streetworker.

„Sie haben in kurzer Zeit guten Zugang zu den Mitgliedern der Gucci-Gang bekommen“, berichtete Tina Müller im Jugendhilfe-Ausschuss. Und auch Christine Roddewig-Oudnia sagte: „Dass wir in wenigen Monaten schon Erfolge hatten, hat mich auch überrascht.“

Die Streetworker laufen täglich eine feste Strecke vom Giesenberg über die Trasse zum Berliner Platz und zur Rosenau, auch das Haus der Jugend in Elberfeld suchen sie auf. Im Rucksack haben sie praktische Hilfsmittel vom Pflaster über Kekse bis zu Bustickets. Ihre Zielgruppe, die etwa zehn- bis 16-jährigen Mitglieder der Gucci-Bande, wissen inzwischen, wo sie die Sozialarbeiter treffen, so Tina Müller. Zudem verteilten die Streetworker Visitenkarten mit ihrer Dienst-Handy-Nummer.

Tina Müller berichtet, dass die Kinder und Jugendlichen zahlreiche Probleme haben: von Drogen über befürchtete Schwangerschaften und Schulden bis zu Straftaten. „Und“, so Tina Müller, „auch unheimlich viele Ängste.“ Die Sozialarbeiter nutzten ihr Netzwerk, um zu helfen, etwa zum Projekt „Kurve kriegen“, der Schuldnerberatung, der Drogenberatung und dem Bezirkssozialdienst. Manche Kinder bäten auch für ihre Eltern um Hilfe, die beispielsweise hoch verschuldet seien.

Eine großzügige Spende erlaubt
die Ausweitung des Programms

Inzwischen habe sich die Struktur verändert: „Die Gucci-Gang aus Kindern unterschiedlicher Kulturen gibt es so nicht mehr“, sagt Tina Müller. Das sei auch Auswirkung der Attacke auf den Rentner und ihrer Folgen. Diese hätten auch die Gruppe erschreckt. Direkt danach hätten die Sozialarbeiter keinen Kontakt bekommen, wenig später sei die Zahl der Kontakte dann stark angestiegen. Gleichzeitig seien weitere Eltern aktiv geworden, berichtete Christine Roddewig-Oudnia.

Die beiden 14-jährigen mutmaßlichen Schläger sind in Untersuchungshaft beziehungsweise in einer geschlossenen Jugendeinrichtung. Die Mädchen hätten sich aus der Gruppe gelöst, seien froh, jetzt „frei“ zu sein. Einige hätten sich auch prostituiert. Mit dieser Mädchengruppe versuchten sie jetzt zu arbeiten, aber auch die Jungen behielten sie im Blick.

Als Beispiele für positive Ansätze nannte Tina Müller die Vermittlung einer flexiblen Erziehungshilfe in eine Familie, in einem anderen Fall seien sie angesprochen worden, dass jemand wieder in die Schule gehen will, aber nach einem halben Jahr nicht weiß, wie. Und ein Jugendlicher werde möglicherweise seine Rugby-Kenntnisse in einem Sportprojekt an andere weitergeben.

Durch städtische Mittel ist das Projekt bis Mitte 2020 gesichert, dank einer Spende von mehreren 100 000 Euro können noch weitere Streetworker-Kräfte eingestellt werden. Zudem ist an einen festen und einen mobilen Treffpunkt, etwa einen Bauwagen, gedacht.

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